Der chinesische Elektroautohersteller NIO wechselt in der Europäischen Union vom Direktvertrieb zu einem Modell mit Händlerpartnerschaften. In Deutschland, den Niederlanden und Schweden sucht das Unternehmen nach Vertriebspartnern, den Direktvertrieb behält es nur in Norwegen bei. Das berichtete der Dienst CnEVPost unter Berufung auf interne Unternehmensdokumente.
Die Entscheidung fällt zu einem Zeitpunkt, an dem NIO in Europa faktisch aufhört zu verkaufen. Laut offiziellen Daten des schwedischen Verbands Mobility Sweden verzeichnete NIO in Schweden im Februar 2026 keine einzige Zulassung — zum ersten Mal seit seinem Markteintritt Ende 2022.
In den Niederlanden sanken die Zulassungen trotz des Starts der günstigeren Submarke Firefly auf einstellige Zahlen. In Deutschland, dem größten europäischen Automarkt, verzeichnete NIO im Januar nur eine einzige Zulassung — ein neues Dreijahresminimum.
In Norwegen, wo der Anteil von Elektroautos an den Neuzulassungen weltweit am höchsten ist, wurden im Februar 15 NIO-Fahrzeuge verkauft — mehr als die Hälfte weniger als im gleichen Monat des Vorjahres.
| Markt | Februar 2026 | Gesamtjahr 2025 | Trend |
|---|---|---|---|
| Schweden | 0 | 156 | Historisches Minimum |
| Norwegen | 15 | — | −50 % im Jahresvergleich |
| Niederlande | Einstellig | — | Rückgang trotz Firefly |
| Deutschland (Januar) | 1 | — | Dreijahresminimum |
Mark Zhou, Executive Vice President von NIO und Vorsitzender des Produktausschusses, räumte im Interview für den Podcast Leaders Unplugged ein, dass die Expansion von Norwegen in den Rest der EU im Jahr 2022 auf falschen Annahmen beruhte.
Laut Zhou wiesen die europäischen Teams die Zentrale wiederholt darauf hin, dass NIO-Fahrzeuge für europäische Verhältnisse zu groß sind. „Unsere Autos sind groß, weil sie auf die chinesischen Gegebenheiten zugeschnitten sind. Unsere europäischen Kollegen haben uns immer wieder gesagt, dass das Manövrieren auf engem Raum wirklich schwierig ist", so Zhou.
Zhou erwähnte zudem unterschätzte Infrastrukturkosten und langsamere Regulierungsprozesse in Europa.

NIO trat im Oktober 2021 über Norwegen in den internationalen Markt ein und expandierte anschließend nach Deutschland, in die Niederlande und nach Schweden. Überall betrieb das Unternehmen eigene Premium-Showrooms namens Nio House, Auslieferungszentren und Servicestützpunkte — ein von Tesla übernommenes Modell.
Dieser Ansatz erwies sich jedoch als zu kostspielig. Seit November 2024 experimentiert NIO mit Händlerpartnern, etwa mit dem Unternehmen AutoWallis in Ungarn.
Ein internes Memo, das vor dem chinesischen Neujahrsfest 2026 verschickt wurde, enthüllt eine neue Organisationsstruktur. Anstelle nationaler Niederlassungen entstanden funktionale Einheiten: Europe Power Organization, Emerging Markets Business, Global Strategy & Product sowie Europe Sales & Network Development. Die norwegische Niederlassung blieb als einzige mit Direktvertrieb erhalten.
Der Geschäftsführer von NIO Deutschland, David Sultzer, verließ im Zuge der Umstrukturierung seine Position.
Für die Schwierigkeiten von NIO in Europa ist nicht nur das Geschäftsmodell verantwortlich. Alle beispielsweise in Schweden verfügbaren Fahrzeuge sind Modelljahrgänge 2023 oder 2024. NIO erneuerte sein Angebot in China im Laufe des Jahres 2025, doch die aktualisierten Modelle erreichten die europäischen Märkte nicht.
Kunden können derzeit drei Modelle konfigurieren — ET5, ET5 Touring und EL6. Das Flaggschiff ET7 und der SUV EL7 sind nur zur Interessensregistrierung verfügbar. Die Aktionsseite der schwedischen NIO-Website liefert einen 404-Fehler.
Konkurrenten wie BYD oder Xpeng setzten in Europa dagegen von Anfang an auf die Zusammenarbeit mit lokalen Händlern und vermieden den kostspieligen Aufbau eines eigenen Netzes.
Im Juni 2025 kündigte NIO Pläne an, über lokale Händler in weitere europäische Märkte einzutreten. Zu den vorgesehenen Ländern zählen Österreich, Belgien, Ungarn, Luxemburg, Polen, Rumänien — und auch die Tschechische Republik.
Einen konkreten Termin oder den Namen des tschechischen Vertriebspartners hat NIO bislang nicht bekannt gegeben. Angesichts der aktuellen Umstrukturierung und der Verkaufsprobleme in etablierten Märkten ist zu erwarten, dass sich die geplante Expansion verzögert.
Während NIO erst noch nach Tschechien strebt, ist die chinesische Konkurrenz dort bereits aktiv. BYD, MG, Xpeng und Polestar verfügen im Land über eine offizielle Vertretung und ein Händlernetz. Ein etwaiger Markteintritt von NIO mit einem zwei bis drei Jahre alten Angebot hätte in einer solchen Konkurrenzsituation einen schweren Stand — besonders da die Versicherung chinesischer Autos in manchen europäischen Ländern auf höhere Tarife stößt.