Yamaha Tricity 300 - der Roller für den Autoführerschein

Yamaha Tricity 300 - der Roller für den Autoführerschein

Jan Nemrava, 16. Oktober 2020

Motorradtests sind auf autohled.cz nicht üblich, und einer der Gründe dafür ist, dass wir dafür keinen “Führerschein” haben. Für solche Motorradfahrer hat Yamaha jedoch eine Lösung. Um eingefleischte Biker nicht zu verärgern: Es handelt sich nicht um ein Motorrad, sondern um einen Roller. Es ist die Yamaha Tricity 300, für die dank der beiden Vorderräder der klassische “Autoführerschein” (Führerscheinklasse B) ausreicht. Die Tricity wird von einem Einzylindermotor mit 292 ccm Hubraum und einer Leistung von 20,6 kW angetrieben. Das Nassgewicht beträgt 239 kg. Es handelt sich also um kein Leichtgewicht, und das Fahren damit erfordert etwas Erfahrung. Aber greifen wir nicht vor. Optisch ist es eine sehr gelungen gestaltete Maschine, vor allem von vorne wirkt die Verkleidung gesund aggressiv, wie eine leicht verärgerte Wespe.

Zwei Räder vorne - unbezahlbare Sicherheit

Die Tricity ist eine ziemlich massive Maschine mit einer Gesamtbreite von 815 mm und einer Länge von 2.250 mm. Ihre größte Besonderheit sind die beiden Vorderräder mit doppelter Teleskopgabel und 100 mm Federweg. Abgesehen vom gesetzlichen Grund, der es erlaubt, die Tricity ohne Motorradführerschein zu fahren, liegt der Vorteil der beiden Räder auf der Hand. In Kurven und beim Bremsen sorgen sie für deutlich mehr Sicherheit als nur ein Rad. Wenn in der Kurve ein Rad über eine Unebenheit fährt oder auf feinen Schotter gerät, sorgt das andere für den nötigen Grip. In der Praxis funktioniert das hervorragend - die weich abgestimmte Gabel schluckt Unebenheiten, und man muss die Straße vor sich nicht mehr so genau im Blick behalten. Bei einer Fahrt durch Prag etwa entfällt sogar die Sorge um das Queren von Straßenbahnschienen - man merkt gar nicht, dass sie da sind. Gleichzeitig behindert die Gabel während der Fahrt die Schräglage des Rollers in keiner Weise und unterscheidet sich nicht wesentlich vom Fahren eines “gewöhnlichen” Rollers. Dasselbe gilt beim Bremsen - die beiden Räder, beide mit Scheibenbremsen ausgestattet, verzögern kräftig und halten den Roller dank der deutlich größeren Aufstandsfläche hervorragend in der Spur. Die Bremsen sind zusätzlich mit ABS ausgestattet, was die Sicherheit des Fahrers weiter erhöht. Die einzige Besonderheit ist also der Gabel-Verriegelungsknopf, der aktiviert werden kann, wenn die Geschwindigkeit unter 10 km/h fällt - dabei wird die freie Bewegung des recht komplexen Neigungsmechanismus der Gabel gesperrt, und der Roller kann im Prinzip von selbst stehen (etwa an einer Kreuzung). Das klingt etwas besser, als es sich in der Praxis anfühlt. Der Moment, in dem die Geschwindigkeit unter 10 km/h fällt und der Roller anfängt zu wackeln, sodass man die Füße absetzen muss, ist ziemlich kurz. Das erfordert also einiges an Aufmerksamkeit vom Fahrer - ich werde langsamer, werde langsamer, plötzlich leuchtet ein Symbol im Cockpit auf, ich drücke den Verriegelungsknopf der Gabel und bremse gleichzeitig bis zum Auto vor mir ab. Wenn ich im Moment der Aktivierung der Verriegelung senkrecht stand, habe ich gewonnen. An der Kreuzung steht der Roller. Das Anfahren mit verriegelter Gabel erfordert ebenfalls etwas Übung - bei jedem Gasgeben entriegelt sich die Gabel sofort. Das funktioniert hervorragend bei einem schnellen Start aus dem Stand, idealerweise geradeaus. Bei kleinen Vorwärtsbewegungen an der Kreuzung muss man aufmerksamer sein, da man beim Entriegeln der Gabel bei sehr geringer Geschwindigkeit erneut die Füße auf den Boden setzen muss. Es ist alles eine Frage der Gewohnheit - letztlich habe ich die Gabelverriegelung dann doch nicht so oft genutzt.

Wir fahren auf drei Rädern

Die Fahrt ist sehr komfortabel und unkompliziert. Los geht es mit der schlüssellosen Zündung - man braucht nur die Fernbedienung in der Tasche zu haben, und schon kann es losgehen. Weiter geht es mit den absolut hervorragenden LED-Leuchten, viel Stauraum unter der Sitzbank und einem übersichtlichen Display mit Geschwindigkeitsanzeige und Bordcomputer. Dazu kommen ein komfortables Fahrwerk und ein ausreichend starker Motor. Überrascht hat mich, wie komfortabel sich das Fahren bei rund 60 km/h anfühlt. Und diese Geschwindigkeit erreicht der Roller innerhalb weniger Sekunden. Bis 80 km/h ist es immer noch sehr gut, der Roller beschleunigt weiter, allerdings nimmt der Lärm im Helm bereits zu. Über 100 km/h war es dann nicht mehr ganz mein Ding, aber wie schon erwähnt, bin ich kein großer Motorradfahrer, auch wenn ich eine Jawa 555 Pařez besitze.

Im Stadtverkehr kommt die Tricity mit etwa 3,5 Litern auf hundert Kilometer aus, außerhalb der Stadt bei ruhiger Fahrt gerne auch mit 3 Litern. In der Stadt kommen die sofortige Beschleunigung und die einfache Manövrierbarkeit sehr gelegen, was ohnehin der Hauptvorteil von Stadtrollern ist. Ich persönlich hatte etwas Probleme mit der Breite, die etwas größer ist als die Lücken zwischen den Autos in Kolonnen. Auch das Gewicht macht sich bemerkbar, wenn man den Roller mit den Füßen hält. Die Sitzhöhe beträgt 795 mm, sodass ich bei 175 cm eher auf den Zehenspitzen stand. Deshalb habe ich mich auf keine Wildheiten eingelassen und bin lieber brav in den Fahrspuren mit den Autos mitgefahren. Ähnlich war es beim Parken - kein Leichtgewicht, und ihn auf dem Gehweg stehen zu lassen, habe ich mich nicht getraut. Ausgesprochen interessant ist das Überfahren solcher Bodenschwellen aus metallenen “Buckeln”. Sie passen genau zwischen die Vorderräder, was eine trügerische Sicherheit vermittelt, dass alles gut gegangen ist - doch gleich darauf schlägt der Buckel gegen das Hinterrad, und der Roller schlägt aus wie ein scheuendes Pferd. Dasselbe gilt, wenn man manchmal einem Schlagloch mit dem Vorderrad ausweichen will, nur um dann mit dem Hinterrad hineinzufallen. Das ist einfach die Ungewohntheit dieses Dreirads, aber insgesamt bewerte ich dieses Konzept gerade wegen der Stabilität und Sicherheit als großes Plus. Zudem erregt der Roller durch sein Konzept und sein Aussehen ziemlich viel Aufmerksamkeit, was für manche verlockend sein kann - beim Parken über Nacht auf der Straße vielleicht eher das Gegenteil.

Kaufen oder nicht kaufen

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