Harley-Davidson hat Anwälte gegen den chinesischen Hersteller Shineray eingeschaltet, der unter der italienischen Marke SWM das Motorrad Stormbreaker 1200 verkauft — eine nahezu identische Kopie des legendären Sportster. Die Information stammt vom französischen Portal Moto-Station, das bei einem Presse-Briefing die amerikanischen Firmenvertreter direkt dazu befragte.
Die Information kam während der europäischen Präsentation der neuen Modelle Road Glide und Street Glide Limited zur Sprache, als Journalisten eine Videokonferenz mit der Zentrale in Milwaukee für eine direkte Nachfrage nutzten. Paul James, Director of Press Relations bei Harley-Davidson, antwortete knapp: „Ich kann mich nicht zur Rechtmäßigkeit der kopierten Produkte äußern, die wir auf Messen gesehen haben. Wir sind uns dessen bewusst. Unsere Rechtsabteilung ist in dieser Angelegenheit involviert. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
Die Redaktion von Moto-Station berichtete anschließend, dass Harley tatsächlich rechtliche Schritte eingeleitet habe. Umfang der Klage, Gerichtsbarkeit und Zeitrahmen bleiben jedoch unbekannt.
Im Zentrum des Streits steht die Shineray Stormbreaker 1200 — ein Motorrad des chinesischen Konzerns Shineray, das in Europa unter der italienischen Marke SWM verkauft wird. Erstmals aufgetaucht ist sie 2022 auf der Mailänder Messe EICMA, „diskret hinter einer Trennwand versteckt", wie die Journalisten von Moto-Station beschrieben.
Die technischen Daten sprechen eine klare Sprache. Der Stormbreaker verwendet einen luftgekühlten V-Twin mit 45° Zylinderwinkel, 1.200 cm³ Hubraum und rund 61 PS Leistung — praktisch identische Werte wie beim Evolution-Motor, mit dem der Sportster jahrzehntelang unterwegs war. In einigen europäischen Märkten wird er für etwa 9.990 Euro angeboten, umgerechnet rund 260.000 Kronen. Die neue Harley-Davidson Sportster S mit dem wassergekühlten Revolution-Max-Motor startet in Europa bei über 16.000 Euro.
Ein wichtiger Kontext: 2021 zog Harley-Davidson den luftgekühlten Sportster vom europäischen Markt zurück, da er die Euro-5-Abgasnorm nicht erfüllte. Dieser Schritt bedeutete für die Marke einen Verlust von rund 40 % des Verkaufsvolumens in Europa. Kurz danach tauchten auf Messen chinesische Motorräder mit auffällig ähnlicher Architektur auf.
Spekulationen darüber, ob Harley die Produktionslinie des Sportster nach China verkauft hat, kursieren in der Motorradgemeinde bereits seit mehreren Jahren. Ein Beweis für ein solches Geschäft wurde bislang nicht veröffentlicht. Sicher ist: Shineray hat den Motor als Euro 5 / Euro 5+ homologiert, was ihm den Weg nach Europa öffnete — genau dorthin, wo das Original hinausmusste.
Shineray ist nicht der einzige chinesische Hersteller mit „Inspiration" von Harley. Laut einer Übersicht des britischen Magazins Visordown sind mehrere weitere Klone auf dem Markt aufgetaucht, darunter eine Nachahmung des Modells Iron 883 von Xiang Shuai. Die Frage des geistigen Eigentums in der Motorradindustrie wird in den letzten Jahren immer drängender — der chinesische Hersteller Talaria zahlte kürzlich 8,4 Millionen Euro für das Kopieren der Elektro-Motorräder von Surron.
In der Tschechischen Republik wird Harley-Davidson vom autorisierten Händler Harley-Davidson Praha vertreten. Laut Daten des Verbands der Automobilimporteure werden in Tschechien jährlich rund 200 neue Harleys zugelassen — ein Nischensegment, aber mit einer loyalen Community. Die SWM Stormbreaker wird in Tschechien offiziell nicht verkauft, obwohl die italienische Marke SWM in einigen europäischen Ländern Vertriebspartner hat.
Sollte Harley vor Gericht Erfolg haben, könnte der Fall einen Präzedenzfall für weitere Streitigkeiten über Motorrad-Kopien in Europa schaffen. Das Ergebnis hängt jedoch davon ab, ob eine Verletzung konkreter Patente oder Geschmacksmuster nachgewiesen werden kann — die bloße optische Ähnlichkeit reicht in vielen Rechtsordnungen nicht aus.