Volkswagen ID.3 - schenken wir reinen Wein ein. Ein objektiver Test von einem voreingenommenen Redakteur

Volkswagen ID.3 - schenken wir reinen Wein ein. Ein objektiver Test von einem voreingenommenen Redakteur

Jan Nemrava, 12. Februar 2024

Der ID.3 war bei seiner Markteinführung 2019 ein Bote einer glänzenden Zukunft. Nach dem Golf und dem Käfer sollte er das dritterfolgreichste Modell werden, das Konzerngeschichte schreibt. Tatsache ist, dass wir dem ID.3 im Gegensatz zum Golf auf tschechischen Straßen nicht annähernd so oft begegnen. Legendenstatus und Erfolg bestimmen letztlich vor allem die Kunden, und die teilen in Tschechien die Begeisterung des Herstellers nicht in diesem Maße. Man muss allerdings sagen, dass der ID.3 zum Beispiel in Deutschland im vergangenen Jahr bei ähnlichen Verkaufszahlen lag wie der Enyaq. Insgesamt belegt er bei unseren westlichen Nachbarn Platz fünf unter den Elektroautos, mit etwa halb so hohen Stückzahlen wie der ID.4/ID.5. Unabhängig davon, wie erfolgreich dieses Auto ist, schauen wir es uns gerne genauer an und schenken uns dabei ein paar Gläser reinen Wein ein.

Auf dem Grund des ersten Glases stellen wir fest, dass moderne Elektroautos sich dem heiligen Gral dessen nähern, was wir als hervorragende Fahreigenschaften bewerten - Heckantrieb, ideale Gewichtsverteilung, niedriger Schwerpunkt, kurze Karosserieüberhänge, großer Radstand, sofortige Gasreaktion, großer Lenkeinschlag der Vorderräder und große Räder mit elektronisch geregelten Dämpfern. Was will man sich von einem idealen Auto mehr wünschen? Dagegen sprechen das höhere Gewicht, und manch einer wird das fehlende Motorengeräusch anführen. Doch dieser Klang ist völlig subjektiv und hat mit den Fahreigenschaften nichts zu tun - eher mit dem Fahrerlebnis. Der ID.3 hat meiner Ansicht nach ideale Lenkkräfte, die Bremsen reagieren hervorragend, man sieht aus dem Auto gut heraus, er ist leise und man sitzt gut darin. Einfach klasse. So viel zur Mechanik. Ob in der Stadt, außerorts oder auf der Autobahn - man kann dem ID.3 nur Kultiviertheit, Laufruhe und Komfort attestieren. Innen gibt es genug Platz, alles ist gut erreichbar. Hervorragend sind die Sitze sowie das Platzangebot für vier Passagiere.

Auf dem Grund des dritten Glases erfahren wir, dass der ID.3 mit der 77-kWh-Batterie theoretisch bis zu 552 km weit kommen könnte. Und das ist nicht wenig. Aus unserem ID.Buzz-Test wissen wir, dass die neuen Fahrzeuge auf der MEB-Plattform mit bis zu 170 kW recht ordentlich laden können. Während unseres Tests lagen die Temperaturen jedoch um den Gefrierpunkt, und das ist für ein Elektroauto aus zwei Gründen nicht ganz ideal - Heizung und Laden. Für die Heizung kann man keine Abwärme wie beim Verbrennungsmotor nutzen, sondern muss sie direkt mit Energie aus der Batterie "bezahlen". Unser Testmodell verfügte über eine Wärmepumpe, die den Verbrauch in vernünftigen Grenzen hält, sodass der Verbrauchsanstieg nicht allzu groß ausfiel. Auf der Autobahn sind wir also mit einem Verbrauch von rund 25 kWh unterwegs gewesen und wären real über 300 km weit gekommen - das war auch das Ziel unserer Fahrt zum slowakischen Malacky. Praktisch haben wir aber alle 100 km angehalten (nicht wegen des Autos, sondern wegen der Mitfahrer), und dort gab es stets eine Ladestation, sodass ich das Auto jedes Mal kurz angeschlossen und die Ladewerte aufmerksam abgelesen habe.

Auf dem Grund des fünften Glases erfahren wir, dass bei -10 Grad, wenn man wenige Minuten vor der Abfahrt über die durchaus gelungene Mobil-App die Heizung startet, die den Innenraum aufheizt und die Scheiben enteist, die Beifahrerin sehr zufrieden sein wird. Und das kann Gold wert sein. Ich gebe ehrlich zu, dass Elektroauto-Tests für mich ziemlich schizophren sind. Aus der Ferne heize ich vor, genieße die Stille, die hervorragenden Fahreigenschaften, die sofortige Beschleunigung, den großen Lenkeinschlag, viel Platz und den emissionsfreien Betrieb, und unter der Woche schwelge ich darin, wie lauter Vorteile dieses Auto hat. Am Wochenende, bei einer längeren Fahrt, treten dann aber Bedingungen ein, bei denen Gegenwind weht, es draußen kalt ist und man keinen Überblick über die Ladestationen in der Umgebung hat - und das Auto hilft einem dabei überhaupt nicht. Und plötzlich muss man etwas langsamer fahren, und selbst die größten Klapperkisten überholen einen. Dabei gehöre ich zu den Leuten, denen 130 km/h als ausreichende Geschwindigkeit erscheinen, und ich habe auch in anderen Autos kein Bedürfnis, diese Geschwindigkeit zu überschreiten.

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