Renault Twizy – im Handumdrehen zum Exoten

Renault Twizy – im Handumdrehen zum Exoten

Jiří Zelinka, 12. Oktober 2020

Die urbane Mobilität erlebt einen Boom – nicht nur in Prag begegnen wir Tretrollern, E-Bikes, Rollern und anderen geteilten oder privaten „Gefährten“. Nur wenige von ihnen erregen in der Stadt jedoch so viel Aufmerksamkeit wie gerade der Twizy. Und das ist kein Wunder. Es bleibt nur noch zu klären, ob es sich dabei eigentlich um ein Auto oder ein Motorrad handelt.

Der Twizy hat zwar 4 Räder und 2 Türen, doch die Möglichkeit, ihn abzuschließen oder ihn gegen Wasser abzudichten, fehlt ihm – schließlich hat er keine Seitenfenster. Außerdem befördert er nur zwei Personen, und das recht ungewöhnlich hintereinander, was wiederum eher für ein Motorrad sprechen würde. Über seine rechtliche Einordnung verrät letztlich das Fehlen eines vorderen Kennzeichens, wodurch der Twizy etwa Abschnittskontrollen verwirren könnte. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h wird aus Ihnen ohnehin so oder so kein Straßenpirat.

Bis zu diesen 80 km/h beschleunigt der Twizy allerdings sehr ordentlich, der Punch, den wir von Elektroautos kennen, fehlt ihm nicht, und wenn Sie an der Ampel neben einem Rollerfahrer stehen (die den Platz neben Ihnen gerne nutzen), wird dieser sich anstrengen müssen, um als Erster loszufahren. Fahrdynamisch ist der Twizy überraschend stabil, sodass ich mich oft dabei ertappt habe, mich darin relativ sicher zu fühlen, was von außen betrachtet zumindest sehr naiv wirkt. Ihn zu fahren macht aber sehr viel Spaß, und das sogar in Prag, wo mir das Fahren schon lange nicht mehr so viel Freude bereitet hat wie mit dem Twizy. Die Abmessungen des Fahrzeugs, die Beschleunigung und ein gewisses Kart-Feeling sorgen dafür, dass Sie überall hineinpassen, und selbst das verstopfte Prager Zentrum kommt Ihnen mit etwas Übertreibung wie eine Kartbahn vor. Zu diesem Kart-Gefühl trägt auch das straffe Fahrwerk bei, dank dem Sie das Profil der Fahrbahn unter sich hautnah spüren, sowie die Lenkung ohne Servounterstützung, ähnlich wie bei Go-Karts.

(Un-)Ausstattung

Da das Automodell relativ alt ist und seit seiner Vorstellung weder ein Facelift noch eine Modernisierung erfahren hat, macht sich das Fehlen neuer Technologien ein wenig bemerkbar. Sei es bei LED-Scheinwerfern, die bei einem so kleinen Fahrzeug sparsamer wären, oder bei der Ladeart, bei der es sich nach wie vor nur um eine 220-V-Steckdose handelt. Natürlich hat der Twizy keinen so großen Akku, dass er ein stärkeres Ladesystem bräuchte, und schon das Aufladen von 20 auf 80 % in rund 2 Stunden ist völlig in Ordnung und für den Einsatzzweck dieses Autos vollkommen ausreichend, doch bei dem Preis, den wir in der Preisliste sehen, würde sich zumindest irgendeine Form von schnellerem Laden sicher gut machen. Der große Vorteil dieser Ladeart ist allerdings gerade die 220-V-Steckdose, die wir alle zu Hause haben und die sich im Grunde überall dort anschließen lässt, wo das Kabel hinreicht. Das Kabel ist zudem relativ lang (3 m) und direkt in der Front des Autos integriert, die praktisch überall hineinpasst. So können Sie sich mit der Steckdose sogar bis zum Flur neben dem Büro fahren.

Wir fahren los

Die Bedienung des Fahrzeugs ist etwas eigenwillig – von der manuellen Handbremse mit recht schwergängigem Zug, die die einzige Möglichkeit ist, das Fahrzeug gegen Wegrollen zu sichern, bis hin zur Hupe, die sich nicht am Lenkrad, sondern am rechten Hebel unter dem Lenkrad befindet und die durchaus versehentlich ausgelöst werden kann, was angesichts der Konstruktion des Autos vor allem Sie selbst erschreckt. Danach wählen wir nur noch die Fahrtrichtung, wofür es zwei Tasten gibt – D und R –, drückt man beide gleichzeitig, schaltet man in den Leerlauf. Und das war's – Renault hat den Minimalismus so weit auf die Spitze getrieben, dass Ihnen nicht einmal die Richtung des von Ihnen gewählten Blinkers angezeigt wird.

Fazit – ein unterhaltsamer Minimalist

Als ich im Oktober bei 8 Grad Celsius und anhaltendem Regen den Twizy zurückbringen fuhr, überlegte ich im Montagsstau, was ich eigentlich über ihn schreiben sollte. Und wissen Sie was – es hat mich eigentlich gar nicht gestört. Der Twizy gibt sich keine falschen Allüren, im Gegensatz zum Motorrad regnet es nicht auf Sie, und dank der 4 Räder müssen Sie auch keine allzu große Angst vor nasser Fahrbahn haben, und wie man so schön sagt: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung.

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