Ein neues Auto von einem neuen Autohersteller zu testen, ist ein eher seltener Moment. Zwar brüstet sich die Marke MG mit dem englischen “since 1924”, doch die Realität sieht natürlich so aus, dass man am getesteten Modell HS nichts aus dem Jahr 1924 findet. Es handelt sich um ein neu entwickeltes Modell des chinesischen Autoherstellers SAIC, der die hundert Jahre alte britische Marke gekauft hat. Aber das ist nicht so wichtig wie die Frage, wie sich ein derart großes SUV für sehr interessante 600.000 fährt. Deshalb sind wir hier. Also los geht's.

Vor uns steht das Modell HS in der Basisausstattung, in schlichtem Silber, auf Rädern mit der Basisgröße von 17 Zoll. Diese drei Attribute verleihen einem Auto meist keine Schönheit, und bei MG ist das nicht anders. Dem Auto würde Blau oder Rot deutlich besser stehen. Andererseits sind kleinere Räder mit Reifen mit höherer Seitenwand eine Garantie dafür, dass der Fahrkomfort eher besser als schlechter ausfällt. Was das Design betrifft, ist das natürlich Geschmackssache, aber von vorne kann man sich der Inspiration durch Mazda nicht erwehren. Mit diesen runden und fließenden Formen hinkt das Design insgesamt der europäischen Konkurrenz um ein paar Jahre hinterher. Auch der unterbrochene Streifen der Tagfahrlicht-LEDs wirkt, als wäre er einer Autogeneration zuvor entnommen. Und die verchromten Türgriffe sind die traditionelle Methode, das Design mit Verzierung aufzuwerten. Von hinten gefällt mir das MG aber ziemlich gut. Mit seinen 4,5 Metern trifft es im tschechischen Teich genau zwischen Karoq und Kodiaq, vor allem aber ist das HS genauso lang wie der sehr beliebte Hyundai Tucson. Ich wage zu behaupten, dass dieser der größte Rivale sein wird. Bei der Beschreibung des Exterieurs lobe ich außerdem die verkleideten Schweller sowie die Tatsache, dass in westlichen Ländern bereits ein Facelift erhältlich ist, das dem HS sehr angenehm den Feinschliff verpasst und es besser ausgestattet hat.

Ich greife nach dem Türgriff und setze mich auf die Ledersitze. Vor mir liegt ein relativ konservatives Interieur mit einem angenehmen Lenkrad und zwei Displays. Bei diesen gibt es ein paar Kritikpunkte. Das Display vor dem Fahrer bietet keinerlei Einstellmöglichkeiten, die verwendete Schriftart ist nicht ganz optimal, da man die Ziffer 1 leicht mit der 7 verwechseln kann, und generell ist es schade, dass es keine klassische Zeigerdarstellung anbietet. Aber Geschwindigkeit, Drehzahl, Temperatur, Tankanzeige und Bordcomputerdaten zeigt es an, sodass es seinen Zweck erfüllt. Es zeigt sogar die Reifendruckwerte an, das HS ist also mit einer aktiven TPMS-Messung ausgestattet. Dank der Blende über dem Display kann ich bei diesem nicht über einen geringen Kontrast klagen, wie ich es beim zentralen Display tun werde. Dort würde es mich nicht einmal stören, dass es nicht viele Funktionen bietet, aber es stört, dass man auf dem matten Glas (das allerdings einen ausgezeichneten Schutz vor Fingerabdrücken bietet) bei hellem Licht nicht erkennt, was darauf angezeigt wird. Ansonsten findet man aber auch in dieser Version CarPlay und Android Auto, sodass ich ihm auch hier funktional nichts vorwerfen kann.

Ansonsten finden wir im Innenraum überraschend hochwertige Materialien, überall dort, wo man das Auto berührt, gibt es weiche Kunststoffe, die gut aussehen. Kritik habe ich am Material des Schaltknaufs und an der Verwendung von glänzendem schwarzem Kunststoff an der Mittelkonsole. Aber angesichts des Preises ist das wohl trotzdem gut. Weiter geht's. Ich sitze gut, der Fahrersitz ist elektrisch verstellbar, verfügt auch über eine Lordosenstütze, die Sitzflächen sind angenehm lang, sodass es hier wohl keine Einwände gibt. Beim Platzangebot auf der Rückbank überrascht das MG HS nicht, dort gibt es fast schon zu viel Platz. Überraschend ist die Möglichkeit, die Rückenlehnen zu neigen, und überraschend ist auch die hochwertige Ausführung der mittleren Armlehne mit Getränkehaltern. Das Grundvolumen des Kofferraums bietet vernünftige 463 Liter. Wer auf ein Reserverad verzichtet, kann den dadurch freiwerdenden riesigen Platz nutzen, wodurch sich der Kofferraum auf stolze 580 Liter vergrößert.

Mit einem Knopfdruck wecke ich den 1,5-Liter-Vierzylinder-Turbomotor. Dieser verfügt über eine Leistung von 119 kW und ein Drehmoment von 250 Nm in einem breiten Bereich von 1.500 - 4.400 U/min. Laut Hersteller beschleunigt das HS damit in 9,7 Sekunden auf hundert und begnügt sich mit 7,4 Litern auf hundert Kilometer nach WLTP-Norm. Interessant. Aktuell handelt es sich um den einzigen angebotenen Motor, den man auch mit Doppelkupplungsgetriebe bekommen kann. Also los geht's.

Die ersten Meter überraschen positiv. Das Auto wirkt sehr weich, weich ist die Kupplung, und die Anfahrten sind sanft und geschmeidig. Weich wirkt auch der Motor, der keinen sprunghaften Turboeinsatz hat und auch aus sehr niedrigen Drehzahlen schön anzieht. Die weichen Dämpfer auf den hochbereiften Rädern dämpfen Unebenheiten sehr gut, und im Auto herrscht überraschende Stille. Diese weichen vorderen Dämpfer lassen den Vorderwagen gelegentlich mehrmals nachwippen. Manchmal ist das angenehm, manchmal nicht. Der Motor zieht wunderbar durch, gewöhnlich reicht es, bei rund 2.500 Umdrehungen zu schalten. Das zahlt sich dadurch aus, dass der Motor überhaupt nicht zu hören ist, und außerdem dadurch, dass man sich mit einem vernünftigen Verbrauch bewegt, durchaus um die 6 Liter. Auf der Autobahn dreht der Motor dann bei 2.800 Umdrehungen. Wenn ich beim MG HS sehr streng sein müsste, würde ich sagen, dass mich die leichte Vibrationsübertragung vom Motor auf das Lenkrad gestört hat, die gerade auf der Autobahn schon ein wenig spürbar ist. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass das jemanden in dieser Kategorie stören würde. Und mit dieser Kategorie meine ich Autos für jene, die vor allem Komfort suchen. Und den bietet das MG in erster Linie. Auch in der zweiten Reihe. Auf der Autobahn kann sich auch der Tempomat als nützlich erweisen, dessen Hebel jedoch unter dem Lenkrad versteckt ist, praktisch unsichtbar, sodass man den Umgang damit blind lernen muss.

Dieser Absatz könnte “Ärgernisse” heißen. Das wohl größte Ärgernis hatte ich mit etwas, das der Hersteller “digitale Klimaanlage” nennt, tatsächlich aber “manuelle Klimaanlage auf digitalem Display” meint. Unsere übliche Beschwerde, dass die Bedienung der Klimaautomatik im Bordsystem versteckt ist, wird oft dadurch entkräftet, dass man die Temperatur einmal einstellt und sie danach kaum noch anfassen muss. Hier nicht. Der klassische Schieberegler von “Blau bis Rot” erfordert gelegentliche Anpassungen je nach Außenbedingungen. Der dünne Einstellstreifen ist ärgerlicherweise im unteren Teil des Displays platziert, während das gesamte Display praktisch leer bleibt. An seinem Rand befinden sich dann kleine Symbole für Richtung und Belüftungsart. Das ist also nicht besonders gut. Zum Glück kann ich für die Rückkehr zur Navigation die voreingestellte Taste am Lenkrad nutzen. Das hat die Situation ziemlich gerettet. Das zweite Ärgernis hatte ich mit den vorderen Einparksensoren. Im Testwagen aktivierten sie sich erst nach dem Einlegen des Rückwärtsgangs. Und das ist bei vorderen Sensoren etwas problematisch. Wenn man sich von vorne einem Hindernis nähert, piepen die Sensoren nicht, und auf dem Display wird auch keine Abstandsanzeige eingeblendet. Als wären sie gar nicht vorhanden. Erst wenn man den Rückwärtsgang einlegt, beginnen sie zu schrillen und zeigen an, dass man dem Hindernis zu nahe ist. In diesem Moment beginnen sie zu funktionieren und lassen sich nutzen. Gelegentlich geben sie beim Rückwärtsfahren zudem einen Fehlalarm aus. Das ist wohl eine Softwareangelegenheit, vielleicht sogar nur bei diesem konkreten Exemplar. Und das dritte Ärgernis war das Schalten der Gänge, das zwar leichtgängig ging, aber gelegentlich passierte es, dass der Gang nicht richtig einrastete und man ihm ein wenig nachhelfen musste.
