Mercedes-Benz hat ein neues Steer-by-Wire-System vorgestellt, das im aktualisierten Elektro-Sedan EQS zum Einsatz kommen soll. Damit wird die Marke zum ersten deutschen Automobilhersteller, der eine elektronische Lenkung ohne mechanische Verbindung in Serie anbietet. Das geht aus dem Magazin AutoWeek hervor und wird durch von Electrek veröffentlichte Unterlagen bestätigt.
Das traditionelle runde Lenkrad wird durch ein sogenanntes Yoke ersetzt – ein abgeflachtes Element mit offenem oberen Bereich, bei dem die Griffe in der Drei- und Neun-Uhr-Position bleiben. Mercedes erklärt, dass der Fahrer dank des fehlenden oberen Kranzes das digitale Kombiinstrument besser sehen kann und leichter ein- und aussteigt.
Entscheidend ist aber das Steer-by-Wire-System selbst. Zwischen Lenkrad und Rädern besteht keine mechanische Verbindung mehr – alle Signale werden elektronisch übertragen. Dadurch ändert sich die Lenkübersetzung je nach Geschwindigkeit und Situation. Beim Einparken genügt eine Drehung des Lenkrads um etwa 170 Grad von Anschlag zu Anschlag, während es bei einem klassischen Lenkrad rund 600 Grad sind. Ein Umgreifen ist somit nicht mehr nötig.

Laut Mercedes-World verfügt das System über eine vollständig redundante Architektur – mit zwei unabhängigen Signalwegen, doppelter Stromversorgung und getrennten Kommunikationskreisen. Erkennt die Elektronik einen Defekt, wird die Geschwindigkeit auf rund 90 km/h begrenzt und in einen Notmodus für eine sichere Weiterfahrt geschaltet. Mercedes gibt an, dass das Steer-by-Wire-System vor der Serieneinführung mehr als eine Million Testkilometer absolviert hat.
Teil des Systems ist auch eine Hinterachslenkung mit einem maximalen Lenkwinkel von 10 Grad. In Kombination mit der elektronischen Lenkung verbessert dies die Manövrierfähigkeit der fünf Meter langen Limousine im Stadtverkehr deutlich.
Das Yoke-Lenkrad erforderte eine neue Airbag-Konstruktion. Ohne geschlossenen Kranz kann sich der Airbag nicht am oberen Teil des Lenkrads abstützen, weshalb Mercedes eine innere Trag- und Faltarchitektur entwickelt hat, die eine korrekte Entfaltung im Aufprallfall gewährleistet.
Das Update des EQS bringt nicht nur ein neues Lenkrad. Das Exterieur erhält überarbeitete Stoßfänger, einen neu gestalteten Kühlergrill und eine sternförmige Lichtsignatur in den Frontscheinwerfern. Im Innenraum soll ein aktualisiertes Infotainmentsystem mit dem neuesten Betriebssystem von Mercedes-Benz Einzug halten.
Spekuliert wird zudem über einen Wechsel zu einer 800-Volt-Elektroarchitektur, eine verbesserte Batteriechemie und effizientere Elektromotoren aus eigener Fertigung. Der aktuelle EQS 450+ bietet laut WLTP eine Reichweite von bis zu 816 km – ob das Update diesen Wert weiter steigert, hat Mercedes bisher nicht kommentiert.
Das Yoke-Lenkrad ist keine Neuheit – Tesla setzte es bereits in den Modellen S und X ein. Das Problem war, dass Tesla das Yoke mit einer klassischen mechanischen Lenkung kombinierte, sodass der Fahrer beim Kurvenfahren weiterhin umgreifen musste. Steer-by-Wire nutzt Tesla bislang nur im Cybertruck. Mercedes löst dieses Problem von Grund auf: Das Yoke ergibt gerade dank der elektronischen Lenkung mit variabler Übersetzung Sinn.
Pionier des Steer-by-Wire war bereits 2013 der Infiniti Q50. Zu weiteren Herstellern zählen heute Lexus (RZ 450e) und GMC (Hummer EV). Mercedes ist jedoch die erste deutsche Marke, die diese Technologie in einem Serienfahrzeug anbietet. Das System soll mit der Zeit auch auf die neue S-Klasse und weitere Modelle, einschließlich Verbrennern, ausgeweitet werden.
Das ungewöhnliche Design des Lenkrads stößt allerdings auch auf Kritik. Gegner vergleichen es mit „Elefantenohren“ und bemängeln den Verlust der traditionellen Eleganz. Offen bleibt, wie die eher konservative Mercedes-Kundschaft auf die ungewöhnliche Form reagieren wird. Steer-by-Wire erfordert zudem Kompatibilität mit den Stufen des autonomen Fahrens – der EQS ist eines der wenigen Fahrzeuge mit Zulassung für SAE Level 3.
Auf dem tschechischen Markt ist der Mercedes-Benz EQS derzeit ab 108.700 € in der Version 450+ Electric Art mit einer Leistung von 265 kW und einer Reichweite von 816 km erhältlich. Der stärkere 500 4MATIC mit Allradantrieb und 330 kW Leistung kostet ab 139.100 €. Die Topversion 580 4MATIC mit 400 kW Leistung beginnt bei über 3,7 Millionen Kronen.
| Version | Leistung | Reichweite WLTP | Preis in Tschechien |
|---|---|---|---|
| EQS 450+ Electric Art | 265 kW / 360 PS | 816 km | 108.700 € |
| EQS 500 4MATIC | 330 kW / 449 PS | 645 km | 139.100 € |
| EQS 580 4MATIC | 400 kW / 544 PS | 651 km | ab 160.200 € |
Ob und wann Steer-by-Wire auch auf den tschechischen Markt kommt, hat Mercedes bislang nicht näher erläutert. Der aktualisierte EQS soll als Modelljahr 2027 vorgestellt werden – Steer-by-Wire wird dabei als Sonderausstattung gegen Aufpreis angeboten. Kürzlich berichteten wir zudem, dass Mercedes mit Geely über eine Plattform für Kompaktmodelle verhandelt – die Stuttgarter Marke durchläuft derzeit offenbar einen tiefgreifenden technologischen Wandel.