BYD Tang ist wohl der am wenigsten bekannte große Elektrowagen, den man heute in Tschechien kaufen kann. Das siebensitzige SUV mit einer Länge von knapp fünf Metern zielt mit seiner Ausstattung auf die deutsche Premium-Oberklasse, bleibt preislich aber eine Klasse darunter. In den letzten zwei Jahren erhielt er ein Facelift, das seine größte Schwäche behoben hat – die kurze Reichweite. Nach Auswertung europäischer Tests, langjähriger Erfahrungen von Besitzern und der kompletten Spezifikation lautet unser Urteil 72/100: ein fähiger und überraschend solide gebauter Familienkoloss, dem aber Software, Schnellladen und die alternde technische Basis noch immer Probleme machen.
Der Tang ist bereits seit 2018 das Flaggschiff von BYD, nach Europa kam er allerdings erst 2021 mit der Elektroversion. Damals wurde er vor allem in Norwegen bekannt, wo er zu einem der wenigen erschwinglichen siebensitzigen Elektroautos wurde und sich dort in tausenden Exemplaren verkaufte. Die Version, die man bei uns heute kaufen kann, ist die faceliftete Generation aus dem Jahr 2024: von außen erkennt man sie am durchgehenden Leuchtband mit dem BYD-Schriftzug über die gesamte Front sowie am dezent überarbeiteten Stoßfänger.
Beim Design ist der Tang konservativ, fast schon neutral. Keine ausgefallenen Kanten, kein Versuch einer futuristischen Karikatur, nur ein großes, solide wirkendes SUV, das genauso gut ein deutsches Markenzeichen tragen könnte. Das ist vielleicht gleichzeitig seine größte Stärke und sein größter Fluch: Auf der Straße fällt er nicht auf, stört aber auch nicht. Mit einer Länge von 4 970 mm und einem Radstand von 2 820 mm liegt er von den Maßen zwischen dem Kia EV9 und klassischen großen SUVs. Vorsicht bei der Verwechslung mit dem komplett neuen Modell Great Tang, das BYD dieses Jahr in China vorgestellt hat. Dieser misst über 5,2 Meter, fährt auf einer 1000-Volt-Architektur und steuert erst auf Europa zu. Dieser Test bezieht sich auf den aktuell verkauften Tang mit der 108,8-kWh-Batterie.

Der Tang fährt sich nicht wie ein Sportler und versucht das auch gar nicht erst. Er ist ein komfortabler Reisebegleiter, der am besten auf der Autobahn und auf Landstraßen funktioniert, wo man seine Ruhe und Laufkultur schätzt. Mechanisch ist der Wagen wirklich gut gedämmt, weder Wind noch Motoren stören. Was Testfahrer und Besitzer aber wiederholt erwähnen, ist das Reifengeräusch auf grobem Asphalt, das stärker in die Kabine dringt, als es sich für ein Auto dieser Klasse gehören würde.
Ein schwächerer Punkt bleibt die Federung bei kleinen Unebenheiten. Obwohl der Tang adaptive Dämpfer hat, wirkt er auf holprigem Stadtbelag und bei Querfugen unnötig unruhig und hart. Auf langwelligen Bodenwellen verhält er sich dagegen diszipliniert. In Kurven verleugnet er seine Höhe und sein Gewicht von über 2,5 Tonnen nicht, die Karosserieneigung wird ordentlich unterdrückt, doch von Fahragilität kann keine Rede sein. Der große Wendekreis erschwert außerdem das Einparken und Wenden in engen Gassen, worüber sich Besitzer regelmäßig beschweren.

Womit man dagegen nicht rechnet, ist die Leistung. Zwei Elektromotoren liefern 380 kW (517 PS) an alle vier Räder, und BYD gibt eine Beschleunigung von null auf hundert in 4,9 Sekunden an. In der Praxis bedeutet das, dass der fünf Meter lange Siebensitzer-Riese die Passagiere auf eine Weise in die Sitze presst, die mit einem vernünftigen Familienauto nichts mehr zu tun hat. Im Sport-Modus ist das eine der stärksten Emotionen, die der Tang bietet.

Der Tang wird in Europa in nur einer, voll ausgestatteten Version Flagship AWD verkauft. Unter dem Boden sitzt eine BYD-Blade-Batterie mit LFP-Chemie und einer Kapazität von 108,8 kWh, die die Reichweite auf ordentliche 530 km nach WLTP gebracht hat. Das ist gegenüber der Vor-Facelift-Version mit 400 km eine deutliche Verbesserung und der Hauptgrund, warum man den Tang heute ernst nehmen kann.
| Parameter | BYD Tang Flagship AWD |
|---|---|
| Antrieb | 2 Elektromotoren, 4x4 |
| Leistung | 380 kW (517 PS) |
| 0-100 km/h | 4,9 s |
| Batterie | 108,8 kWh (LFP Blade) |
| Reichweite WLTP | 530 km |
| Verbrauch WLTP | 24 kWh/100 km |
| Laden DC / AC | 170 kW / 11 kW |
| Sitze | 7 (3 Reihen) |
| Kofferraum | 235 / 940 l |
| Länge | 4 970 mm |
Der reale Verbrauch liegt laut europäischen Tests bei etwa 24 bis 27 kWh/100 km, auf der Autobahn bei höheren Geschwindigkeiten übersteigt er 30 kWh. Für ein so großes und schweres Fahrzeug ist das keine Katastrophe, aber auch kein Sparwunder. Im Winter sinkt die Reichweite logischerweise, die Wärmepumpe hält die Verluste jedoch auf einem vernünftigen Niveau, und norwegische Tests zeigten einen Rückgang von rund einem Fünftel gegenüber dem WLTP-Wert, was im Segment ein überdurchschnittliches Ergebnis ist.
Die Achillesferse bleibt das Schnellladen. Auf dem Papier schafft der Tang bis zu 170 kW, doch Messtests und Erfahrungen der Besitzer zeigen, dass die Spitzenleistung in der Praxis oft deutlich niedriger liegt, häufig um 100 bis 120 kW, und die Ladekurve steigt langsam an. Der Grund ist die 400-Volt-Architektur, die Konkurrenten wie der Kia EV9 (800 V) bereits heute hinter sich lassen. Das Laden von 10 auf 80 Prozent dauert in der Praxis daher eher 35 bis 45 Minuten. Für gelegentliche Langstreckenfahrten reicht das, wer aber regelmäßig weit fährt, wird die schnelleren Rivalen beneiden.

Hier sammelt der Tang die meisten Punkte. Die Kabine wirkt hochwertig, die Materialien sind gepolstert, die gesteppten Ledersitze sehen aus und fühlen sich an wie bei teureren Marken, und die Verarbeitungsqualität lobte auch einer der norwegischen Besitzer, der zuvor einen Mercedes gefahren hatte. Die Mitte des Armaturenbretts dominiert der berühmte drehbare Touchscreen, der sich auf Knopfdruck vom Quer- ins Hochformat dreht. Das ist ein effektvolles Spielzeug, aber auch nach Jahren noch ein funktionales Element, das den Tang von der minimalistischen Konkurrenz unterscheidet.

Die Siebensitzer-Anordnung ist real, nicht nur Marketing. Die zweite Reihe bietet Erwachsenen Komfort und ausreichend Kopf- und Kniefreiheit, die dritte Reihe ist dagegen der typische Kompromiss des Segments: brauchbar für Kinder und kürzere Strecken, Erwachsene passen dort nur notdürftig hinein und der Einstieg ist umständlicher. Mit allen sieben Sitzen bleiben nur 235 Liter Kofferraum übrig, nach dem Umlegen der dritten Reihe steigt das Volumen aber auf großzügige 940 Liter. Einen Frontkofferraum (Frunk) hat der Tang nicht, was bei einem Elektroauto ein wenig enttäuscht.

Die Ausstattung ist bei der einzigen angebotenen Version bis zum Rand vollgepackt. Serienmäßig sind Panoramadach, Dreizonen-Klimaautomatik, beheizte, belüftete und massierende Ledersitze, Head-up-Display, Kameras mit 360-Grad-Rundumsicht, ein Zwölf-Lautsprecher-Soundsystem von Dynaudio und Einundzwanzig-Zoll-Räder. Im Verhältnis von Ausstattung zu Preis hat der Tang im Segment praktisch keine Konkurrenz.
Das Infotainmentsystem läuft auf einer Android-Basis, ist flott und logisch aufgebaut, allerdings mit Einschränkungen. Besitzer der ersten Exemplare beklagten, dass das Auto ohne Karten ausgeliefert wurde, die Navigation oft langsam ist und die Musikwiedergabe über Bluetooth schlechter klang als über das eingebaute DAB-Radio. Gravierender ist, dass Apple CarPlay und Android Auto beim Tang lange Zeit vollständig fehlten, was bei einem Familienauto heute schwer nachvollziehbar ist. Ein Teil der Funktionen ist zudem tiefer im Menü versteckt, als es praktisch wäre.
Der Tang bietet über dreißig Assistenzsysteme und eine sehr fähige Sprachsteuerung, doch damit kommt auch der häufigste Kritikpunkt: das ständige Piepen und die Meldungen der Assistenten, die den Fahrer eher stören, als dass sie helfen. Viele dieser Warnungen muss man bei jeder Fahrt erneut abschalten. Ein angenehmer Bonus ist die V2L-Funktion, mit der man aus der Batterie externe Geräte versorgt, vom Kühlschrank bis zum E-Bike.
Der BYD Tang absolvierte 2023 den Euro-NCAP-Crashtest und erhielt die volle Punktzahl von fünf Sternen. In den Einzelkategorien erreichte er 87 % für den Erwachsenenschutz, 87 % für den Kinderschutz, 80 % für den Schutz ungeschützter Verkehrsteilnehmer und 73 % für die Assistenzsysteme. Das ist ein solides Ergebnis, das bestätigt, dass die passive Sicherheit beim Tang auf dem Niveau der etablierten Konkurrenz liegt. Die fünf Sterne stammen jedoch aus dem Jahr 2023, also aus der Zeit vor der deutlichen Verschärfung der Euro-NCAP-Methodik im Jahr 2026, sodass ein direkter Vergleich mit frisch getesteten Autos nicht ganz gleichwertig ist.
Für klassische Pannenstatistiken vom deutschen TÜV oder der niederländischen Consumentenbond ist der Tang in Europa bislang zu selten und zu neu, weshalb harte Statistiken fehlen. Umso wertvoller sind die Erfahrungen norwegischer Besitzer, die mit ihren Fahrzeugen bereits über 100 000 km zurückgelegt haben (siehe Abschnitt unten). BYD bietet für das Auto eine überdurchschnittliche Garantie: 6 Jahre oder 150 000 km auf das Fahrzeug und 8 Jahre oder 250 000 km auf die Batterie, was unter Elektroautos überdurchschnittlich ist und bei einer chinesischen Marke ein wichtiges Vertrauensargument darstellt.
Ein professioneller Test dauert eine Woche, Besitzer leben jahrelang mit dem Auto. Die reichhaltigste Quelle realer Erfahrungen mit dem Tang ist Norwegen, wo er in der größten Stückzahl verkauft wurde. Die Daten stammen aus norwegischen Foren wie elbilforum.no und aus Besitzerbewertungen auf dem Portal broom.no, wo der Tang bei sechzehn Bewertungen einen Durchschnitt von rund 9 von 10 hält.
Garantiereparaturen liefen laut Besitzern zwar ab, allerdings war die Zahl kleinerer Reklamationen höher. In den frühen Jahren stießen norwegische Fahrer auf ein noch unreifes Servicenetz, bei dem der Händler einen Defekt nach dem ersten Werkstattbesuch nicht beheben konnte. Erfahrenere Besitzer empfehlen daher, das Fahrzeug vor Ablauf der Garantie gründlich überprüfen zu lassen, damit eventuelle Schwachstellen am Fahrwerk rechtzeitig entdeckt werden.
Doch selbst mit dieser Schätzung bietet der Tang ein außergewöhnliches Verhältnis von Ausstattung zu Preis. Ein siebensitziges Elektro-SUV mit dieser Ausstattung bekommt man anderswo für knapp zwei Millionen nicht. Offen bleibt der Wiederverkaufswert, den bei einer chinesischen Marke mit so geringen Verkaufszahlen bislang niemand verlässlich kennt.
Der nächste und am häufigsten verglichene Rivale ist der Kia EV9, der Maßstab der Klasse siebensitziger Elektro-SUVs mit schnellerem 800-Volt-Laden. Eine günstigere und sparsamere Alternative ist der französische Peugeot e-5008 mit Rekordreichweite, während das Premium-Ende der Volvo EX90 besetzt.
Wenn Sie die einzelnen Konkurrenten im Detail vergleichen möchten, nutzen Sie unseren Vergleich BYD Tang vs. Kia EV9, Peugeot e-5008 und Volvo EX90 im Vergleichstool.
Wer wirklich ein siebensitziges Elektro-SUV mit Premium-Ausstattung sucht und nicht mehr als zwei Millionen dafür ausgeben möchte, für den ergibt der Tang mehr Sinn als kaum ein anderes Auto. Er belohnt Sie mit Platz, Ruhe und einer Ausstattung, die Sie anderswo nicht einmal gegen Aufpreis bekommen.
Wer aber häufig lange Strecken fährt und blitzschnelles Schnellladen möchte, sollte zum Kia EV9 mit 800-Volt-Technik greifen. Und wer vom niedrigstmöglichen Verbrauch und einer größeren Reichweite für weniger Geld gelockt wird, sollte sich den Peugeot e-5008 ansehen. Wer zudem die Sicherheit eines starken Servicenetzes und etablierter Wiederverkaufswerte braucht, sollte sich die geringen Verkaufszahlen des Tang in Tschechien gut überlegen. Für eine große Familie, die den Großteil der Kilometer näher am Wohnort zurücklegt und das Preis-Leistungs-Verhältnis zu schätzen weiß, ist der Tang aber eine überraschend rationale Wahl.