Hyundai Ioniq PHEV - der unterschätzte Alltagsheld

Hyundai Ioniq PHEV - der unterschätzte Alltagsheld

Jan Nemrava, 27. Juli 2020

Der Ioniq ist insofern ungewöhnlich, als der Hersteller ihn sowohl als Elektroauto, als Hybrid als auch als Plug-in-Hybrid anbietet. Plug-in-Hybride sind in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen, und so haben wir uns für genau jenes Modell entschieden, das beide Welten kombiniert - Hybrid und Elektroauto. Erst kürzlich hatten wir den Passat GTE, den Superb iV und den Ford Kuga zum Test. Wie schlägt sich der bei uns beliebte Hyundai mit dieser relativ neuen, aber recht teuren Technik? Und ist er bei einem Preis knapp unter einer Million ein guter Kauf?

Vor uns steht ein Auto mit einer Länge von 4 470 mm und einer ungewöhnlichen, aber streng aerodynamischen Form, die stark an den Toyota Prius oder den Honda Insight erinnert. Unter der Haube verbirgt sich ein Benzin-Direkteinspritzer mit 77 kW Leistung, kombiniert mit einem Elektromotor mit 44,5 kW. Insgesamt bietet dieses System eine Systemleistung von 141 PS und ein Drehmoment von 265 Nm. Der Lithium-Ionen-Polymer-Traktionsakku mit einer Kapazität von 8,9 kWh soll theoretisch eine Reichweite von bis zu 63 km (real 50 km) im rein elektrischen Modus ermöglichen, doch andererseits nimmt gerade diese Batterie unter der großen Heckklappe Platz weg, sodass sich darunter ein eher kleinerer beziehungsweise flacherer Kofferraum mit 341 Liter Volumen verbirgt. Dank des Antriebssystems verspricht der Hersteller einen Verbrauch von 1.1 Liter auf den ersten hundert Kilometern sowie eine Beschleunigung von 10.6 Sekunden auf hundert km/h. Den Leistungswerten nach könnte das eigentlich besser sein, doch das gesamte Auto wiegt rund 1550 kg, und der Motor braucht aufgrund seiner Saugmotor-Auslegung etwas Zeit, um in Schwung zu kommen. So viel zur Theorie.

Bei der statischen Begutachtung fällt vorne ein sehr komplex gestalteter Kühlergrill mit riesigem Markenlogo sowie LED-Scheinwerfer auf. An die elegante Front schließt sich der Rest des Autos an, der jedoch etwas wuchtig wirkt. Dank kleinerer Räder, aber einer hohen Karosserieflanke vor allem im Heckbereich, wirkt der Ioniq zwar gedrungen, gleichzeitig aber futuristisch und unverbraucht. Innen bietet er einen der Fahrzeuggröße entsprechenden Raum. Man findet hier alle Annehmlichkeiten moderner Autos, darunter belüftete Ledersitze, eine Zweizonen-Klimaautomatik und zwei große Displays. Bei einem Auto für fast eine Million Kronen erwartet der Kunde schon einiges, weshalb man die Materialqualität nicht uneingeschränkt loben kann - weder das Leder (das etwas gewöhnlich wirkt) noch die Verarbeitung des Armaturenbretts. Es ist keine Katastrophe, aber in dieser Preisklasse ist die Materialqualität durchaus ein Auswahlkriterium. Hoffen wir also, dass der Ioniq seinen Zauber woanders entfaltet. Ganz sicher aber nicht auf dem Klimabedienfeld - das ist schon etwas eigenartig. Die Kombination aus großen glänzenden schwarzen Flächen und blau hinterleuchteten Touch-Tasten wirkt ebenfalls nicht sonderlich hochwertig. Funktional ist das Ganze aber im Großen und Ganzen in Ordnung, nur die Temperatureinstellung über die Tasten neben den runden Reglern ist etwas verwirrend. Gerettet wird die Situation durch das großzügige Display mit einem recht gelungenen Infotainmentsystem, guter Bildqualität und Reaktionsfreudigkeit. Mich haben die vielfältigen Anzeigeeinstellungen und die Möglichkeit, die Kachelansicht zu individualisieren, überzeugt. Sehr schön. Aber fahren wir jetzt endlich los.

Der Ioniq ist, wie erwähnt, ein Plug-in-Hybrid. Das bedeutet, dass er nach dem Laden an einer externen Quelle bis zu 63 km rein elektrisch fahren kann. Entweder überlässt man alles dem Fahrzeug, oder man verhindert durch Umschalten in den „HEV“-Modus das Entleeren der Batterie und hebt sie sich „für später“ auf. Standardmäßig verbraucht der Ioniq jedoch zunächst die Energie aus der Batterie und schaltet erst danach den Verbrennungsmotor zu. Übersteigt die Leistungsanforderung die Möglichkeiten des Elektromotors, springt der Verbrennungsmotor ebenfalls an. Seine Arbeit ist stets leicht am Brummen unter der Haube zu hören. Sobald seine Aufgabe erledigt ist, zieht er sich wieder zum Schlafen zurück. Theoretisch klingen die 250 Nm sehr gut, und theoretisch sollte der Ioniq gerade dank der sofort verfügbaren Batterieenergie in der Stadt wendig sein. Praktisch hat der Antrieb aber nur zwei Modi - den Standardmodus ECO, der zwar extrem sparsames Fahren ermöglicht, bei dem man aber kaum glaubt, dass ein Elektromotor mit 60 PS mithilft, dass die Systemleistung 104 kW beträgt, oder dass der Ioniq ein Doppelkupplungsgetriebe hat. In diesem ECO-Modus wirkt das Auto abgesehen vom anfänglichen Ruck sehr träge, und der gesamte Gaspedalweg verpufft in einer mäßigen Reaktion. Und dann gibt es noch den zweiten Modus. SPORT. Dieser wird durch Verschieben des Schalthebels aktiviert. In diesem Modus zeigt der Ioniq bereits, wie viel Spaß die Kombination aus Elektro- und Verbrennungsmotor machen kann. Sofortige Reaktionen, ordentliche, geschmeidige Beschleunigung und die Möglichkeit einer recht zügigen Fahrweise. Und jetzt das Problem. Zwischen Eco und Sport gibt es keinen Modus. So etwas wie Normal. Und das ist schade. Der Fahrer hat somit die Wahl zwischen dem tranigen Auftreten im Eco-Modus oder dem auf Speed getrimmten Sport. Aber zur Verteidigung des Ioniq muss ich sagen, dass es beim ECO-Modus vor allem um Gewöhnung geht, beziehungsweise darum, sich nicht zu scheuen, das Pedal ordentlich durchzutreten - dann ist die Dynamik schon besser. Nach einer Woche Fahren erschien mir die Dynamik des ECO-Modus ausreichend, während ich dem Ioniq allmählich Geschmack abgewann.

Ich muss gestehen, dass mir der Ioniq zu Beginn nicht so recht ans Herz gewachsen ist. Vielleicht lag das an der statischen Begutachtung und den einigen oben genannten Schwächen im Zusammenhang mit dem höheren Preis. Doch innerhalb weniger Tage entdeckte ich, wie hervorragend der adaptive Tempomat auf der Autobahn und im Stau funktioniert, wo Stopp&go, der elektrische Antrieb und das Premium-Audiosystem zusammen mit den belüfteten Sitzen das Stehen im Stau zu einer ganz anderen Disziplin machen. Auch abseits des Staus überzeugte mich der Ioniq vor allem dadurch, wie entspannt und unkompliziert man mit ihm unterwegs ist. Die Fahrwerksabstimmung ist ideal, die schwerere Batterie im Kofferraum macht das Auto neutral, auch wenn man sein Gewicht immer noch spürt. Ich saß gut, ich lenkte gut, und die vernünftig gewählte Radgröße erledigte ihre Aufgabe zuverlässig ...

Meinem sparsamen Herzen ist der Ioniq dann noch mehr ans Herz gewachsen, als die Batteriekapazität aufgebraucht war und ich nur noch im Hybridmodus unterwegs war, in dem Autos aufgrund ihres höheren Gewichts oft keine Wunder vollbringen. Nicht so der Ioniq. Der Verbrauch lag in jedem Modus bei rund 5 Liter - Stadt 4.7 Liter, Autobahn 5.2 Liter auf hundert km. Das ist einfach klasse. Die Reichweite des Ioniq von rund 900 km pro Tankfüllung und Ladung ist absolut ausreichend. Nur wehe, wenn die Batterie komplett leer ist und alles vom 77-kW-Saugmotor „gestemmt“ werden muss. Das ist mir aber nur zweimal passiert, und zwar bei langen Autobahnanstiegen (etwa über das Erzgebirge auf der D8). Dann dreht das Getriebe den Motor hoch, und es wird ziemlich laut - das dauert aber nur kurz, bis der Berg vorbei ist. Bergab sammelt der Ioniq dann jede Menge Energie und nutzt sie in Kombination mit dem Verbrennungsmotor für die nächsten Dutzend Kilometer. Auch bei Autobahntempi über dem erlaubten Limit schlägt sich der Ioniq ordentlich - sofern noch etwas Energie in der Batterie steckt. Er ist sogar noch zu einem vernünftigen Verbrauch fähig, aber das ist definitiv nicht sein Revier. 

Wenn der Ioniq auf seine Käufer eine ähnliche Wirkung hat wie auf mich, dann wird er es schwer haben - der erste Eindruck ist nicht gerade der stärkste, doch nach und nach entpuppt sich der Ioniq als ein sehr gelungenes Auto, das ein angenehmer Begleiter ist und keine gravierenden Fehler hat. Und was den Verbrauch auch im Hybridmodus betrifft, glaube ich, dass ihm da so schnell keiner das Wasser reichen kann. Doch mit einem Preis von rund einer Million rückt er bereits in das Revier des Superb iV, der bei uns ein etwas besseres Image und mehr Stil hat.

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