Honda e – Neudefinition des Kleinstwagens

Jan Nemrava, 2. November 2020

Honda war schon immer vor allem für sein ausgereiftes technisches Niveau, seine Fahrwerke und seine leistungsstarken Verbrennungsmotoren bekannt. Honda-Modelle wurden eher von älteren Menschen gekauft, wegen ihrer Zuverlässigkeit und ihres relativ konservativen Ansatzes. Jetzt steht vor uns ein Elektroauto, vollgepackt mit Technologien und Elektronik. Jetzt haben wir ein Auto vor uns, das ein Display über die gesamte Breite des Armaturenbretts hat, das auf beiden Seiten von elektronischen Rückspiegeln flankiert wird, und vor dem Beifahrer befinden sich zwei riesige Displays. Ist das jetzt Honda? Das ist wirklich ein Wandel, den wir miterleben müssen. Der Honda e ist mit Elektronik und wirklich originellen Ideen vollgepackt. Wo soll man nur anfangen?

Retro ist modern

Die Optik ist absolut fantastisch. Mit seiner originellen Formgebung erinnert es aus der heutigen Produktion allenfalls an den Suzuki Jimny, der im direkten Vergleich aber wie eine alte, kantige Kiste wirkt. Das Ergebnis ist die Aufmerksamkeit, die das mollige Auto mit seinem niedlichen Gesicht und seinen runden Augen überall erregt, wo es auftaucht. Ähnliche Aufmerksamkeit habe ich dieses Jahr nur beim Renault Twizy erlebt. Im Gegensatz zu diesem ist der e aber ein vollwertiges Auto. Er wirkt sehr klein, täuscht aber ein wenig über seine Größe hinweg. Er misst 3895 mm und ist damit 30 cm länger als der Citigo. Praktisch handelt es sich um einen Klassenunterschied.

Schon auf den ersten Blick sind die technischen Finessen zu erkennen, mit denen der Hersteller das Fahrzeug ausgestattet hat, um der Welt seinen Ansatz zu dieser neuen Antriebsform zu zeigen. Neben den ganz offensichtlichen Dingen wie den versenkten elektrischen Türgriffen, die ausfahren, wenn sich der Nutzer mit dem Schlüssel in der Tasche nähert, fällt vor allem das Fehlen von Außenspiegeln auf. Wenn wir noch etwas genauer hinsehen und die ausführliche Pressemitteilung lesen, stellen wir fest, dass es hier verdeckte Scheibenwischer gibt, speziell gestaltete Räder, die Bremsen und Bremssättel verdecken, dass Antenne oder Haifischflosse fehlen, die A-Säule völlig glatt ist und auch rahmenlose Fenster nicht fehlen. Das sind die Zutaten eines wirklich einzigartigen Konzepts, an dem man sieht, dass jedes Detail durchdacht wurde und sich die Entwickler wirklich bemüht haben, dass der e Honda auf diesem Gebiet als jemanden etabliert, den man ernst nehmen muss. Dazu kommt noch das niedliche Retro-Design, die fast identische Gestaltung von Front und Heck sowie die ungewöhnlichen Proportionen dank der sehr breiten Basis des Fahrzeugs. 

Innenraum des Jahres

Innen ist das eine ganz andere Geschichte. Hier gibt es nur einen Hauch von Retro, ansonsten ist alles modern. Eine horizontale Gliederung des Armaturenbretts mit einem Display, das sich über die gesamte Breite erstreckt. Eine ebene, mit Holzdekor überzogene Fläche mit Tasten und darunter das klassische Klimaanlagenbedienfeld. Dank des fehlenden Mitteltunnels konnten neue Ablagefächer und viel Platz gewonnen werden. Gelungen ist die Handytasche oder der ausziehbare Getränkehalter. Sehr bequeme Sitze, mit weichen Materialien bezogene Türen, ein lederbezogenes Lenkrad oder eine hochwertige Holzimitation. Der angenehme Stoff der grauen Sitze harmoniert mit den hellbraunen Sicherheitsgurten. Hier wurde wirklich an alles gedacht. Das überrascht bei Honda einfach. 

Ebenso überrascht die Palette der erwähnten elektronischen Ausstattung – vom adaptiven Tempomat über das vollständig autonome und wirklich hervorragend gelöste automatische Einparken (das allerdings nur Querparken beherrscht) bis hin zur Totwinkelüberwachung, der automatischen Klimaanlage oder dem durch eine Kamera ersetzten Innenrückspiegel. Das sind Dinge, ohne die man sich das Leben in einem Elektroauto, das vor allem für die Stadt gedacht ist, durchaus vorstellen könnte. Aber angesichts des Preises, oder vielleicht gerade deswegen, haben sie hier ihre Berechtigung. Und dabei habe ich noch nicht das beheizte Lenkrad oder das Öffnen des Autos per Handy bzw. die Fernbedienung inklusive Heizung erwähnt. Auf der sehr weichen Rückbank gibt es ebenfalls recht viel Platz. Und auch dort überrascht die durchdachte Beleuchtung mit Spotlampen. Im Kofferraum finden wir 171 Liter Stauraum, was bedeutet, dass man sich in dieser Hinsicht etwas einschränken muss. Wenn Sie den Kofferraum aber bis unters Dach beladen, kommt der elektronische Innenrückspiegel gelegen. Der einzige Kritikpunkt betrifft die fehlende Mittelarmlehne der Vordersitze.

Wie es bei Elektroautos üblich ist, ist die Bedienung des Fahrzeugs dank des schlüssellosen  Startens und Entriegelns unglaublich einfach. Man muss sich dem Auto nur nähern, die Türgriffe fahren von selbst aus, ich setze mich hinein, drücke die Bremse, drücke die Taste D auf der Mittelkonsole und fahre lautlos los. Nach der Fahrt genügt es, am Bedienfeld des Getriebes die Position P einzulegen und das Fahrzeug zu verlassen. Es verriegelt und schaltet sich dann von selbst ab.

Uff, so viel Text nur zu den statischen Eindrücken. Aber das Auto ist wirklich so interessant, dass es das verdient. Und dabei habe ich noch nicht die variable Lenkübersetzung erwähnt, oder die Bremsen, bei denen man den Unterschied zwischen Rekuperation und der Arbeit der Scheibenbremsen nicht erkennen kann, oder dass die Batterie zur Erreichung des optimalen Temperaturzustands mit Wasser gekühlt und erwärmt wird, oder dass ein 376-Watt-Audiosystem an Bord ist. Oder dass er mit einer 230-V-Steckdose ausgestattet ist, die mit ihren 1500 Watt zum Beispiel eine Kaffeemaschine, einen Rasenmäher oder einen Wasserkocher versorgen kann und den e zu einem idealen Picknick-Begleiter macht. Aber lassen Sie uns lieber fahren.

Technisches Intro

Honda rühmt sich einer Gewichtsverteilung von 50:50 zwischen Vorder- und Hinterachse. Dank des Hinterradantriebs hat er also eigentlich ideale Voraussetzungen für Fahrspaß. Die Beschleunigung von null auf 100 in 8,3 Sekunden, eine Leistung von 113 kW und 315 Nm bestätigen das auch. Dem sekundiert ein sehr gelungenes Fahrwerk, das auf 17-Zoll-Rädern perfekten Komfort und Stabilität bietet. Und so kann man es sich einfach nicht verkneifen, am Kurvenausgang ein bisschen Gas zu geben. Und Honda weiß seinen Fahrer zu belohnen! Die Gewichtsverteilung hilft dabei, dass das Auto nicht über die Vorderachse untersteuert – es reicht, „Strom“ zu geben, und das Heck drückt das Auto aus der Kurve. Dazu kommt die unmittelbare Reaktion auf das Gaspedal und die geschmeidige Beschleunigung, die süchtig macht. Vor allem beim Anfahren aus einer Kreuzung, wenn der Motor mit seiner Leistung aus dem Vollen schöpfen kann. Und wenn es etwas rutschig ist, kann das Heck leicht ausbrechen, wird aber sofort von der (abschaltbaren!) Stabilitätskontrolle korrigiert. Außerhalb der Ortschaft ist diese Beschleunigungsfülle nicht mehr so ausgeprägt, aber dennoch macht die Fahrt mit dem e sowohl bei ruhiger als auch bei zügigerer Fahrweise sehr viel Spaß.

Das Fahrwerk verträgt weit mehr als genug, dämpft Unebenheiten sehr souverän, keine Schläge, kein Aufschaukeln. Die Fahreigenschaften liegen mindestens eine Klasse höher. Auch außerhalb der Stadt geht das Auto also keineswegs unter. Auf der Autobahn beschleunigt er dann bis zur Begrenzung bei 145 km/h, wobei er der Batterie dabei ziemlich viel Energie entzieht, doch dabei zeigen sich drei Dinge voll und ganz. Erstens, wie sehr das Fehlen von Außenspiegeln der Akustik des Fahrzeugs zugutekommt – im e herrscht auf der Autobahn ein angenehmes, gleichmäßiges Geräusch, man hört nicht (wie sonst üblich) das Geräusch von der A-Säule. Zweitens zeigt sich, wie souverän der adaptive Tempomat funktioniert. Drittens, wie komfortabel das Reisen auch bei höheren Geschwindigkeiten ist – bequeme Sitze, tolles Audiosystem, tolle LED-Leuchten. Was will man mehr. 

Es ist nicht alles glänzend … 

Kommen wir zum Verbrauch. Der Hersteller gibt 17,8 kWh an – bei diesem Wert würde die 35,5-kW-Batterie theoretisch für 200-220 km reichen. Zu Beginn des Tests erreichten wir bei Ausnutzung der Möglichkeiten des Fahrzeugs und kälterem Wetter einen Verbrauch von 18 bis 20 kWh auf 100 Kilometer, das heißt, theoretisch liegt die Reichweite eher bei etwa hundertfünfzig Kilometern. Konkret liegt eine ruhige Überlandfahrt bei rund 17 kWh, eine konstante Autobahnfahrt bei 24 kWh. Der Durchschnitt für einen Wochenendausflug (ohne Heizung, da das Wetter gerade passend war) lag bei 16,3 kWh, also sogar unter den vom Hersteller angegebenen Werten. Persönlich hatte ich aber mit der Reichweite des Autos etwas zu kämpfen und halte sie für eine große Schwäche. Um nicht lange Stunden an Ladestationen zu verbringen, ließ ich das Auto meist bis 80 Prozent seiner 35,5-kW-Batterie laden. Die Ladestationen schafften es, etwa 35 kW zu liefern (ziemlich weit von den versprochenen 50 kW entfernt), also immer 40 Minuten bis 80%, und danach hat mich nicht einmal mehr das hübsche kleine Aquarium über die gesamte Breite des Armaturenbretts unterhalten. Nur reichen diese 80% eben für rund 140 km. Dann genügt es, quer durch Prag zu fahren, und schon nähert sich die Anzeige langsam den 50% bzw. einer Restreichweite von 100 km. Es mag an meiner übertriebenen Ängstlichkeit liegen, aber eine Reichweite von 100 km löst bei mir einfach nicht viel Ruhe aus, und es gab Momente, in denen ich die Fahrt nicht besonders genossen habe. Zum Beispiel, wenn im Display 7% leuchteten. Zum Glück zeigt das Bordnavigationssystem immer Ladestationen in Reichweite an, trotzdem habe ich lieber eine gründliche Vorbereitung gemacht. Und wenn man dann nach so einer gründlichen Vorbereitung bei einem - notstandsbedingt - geschlossenen IKEA ankommt, ist das einfach ein weiterer kleiner Dämpfer für das Vertrauen. Vertrauen brachte mir erst das wiederholte Befahren derselben Strecken zu bewährten Ladestationen. Und damit kehrt das Fahrerlebnis mit dem e wieder zu diesen hohen Werten zurück.

Andererseits ist der Honda e nicht das einzige Auto mit einer solchen Reichweite -  er ähnelt verdächtig dem Mini Cooperu SE - die Autos ähneln sich in Größe, Preis, Fahrerlebnis, aber eben auch in der Reichweite. Der Honda e ist deutlich komfortabler, der Mini ist härter und noch mehr ein Landstraßen-Bolide, obwohl er ein Fronttriebler ist. Dafür ist er für die Stadt fast zu hart. Hier wird der Honda e die bessere Lösung sein. 

Der Kumpel für die Stadt

Kunden, die ihr Auto nach dem Aussehen aussuchen, müssen nicht weitersuchen. Kunden, die auch nach anderen Kriterien auswählen, werden sich meiner Meinung nach einerseits mit der hervorragenden Verarbeitung, den hervorragenden Fahreigenschaften und der hervorragenden elektronischen Ausstattung auseinandersetzen, aber wenn sie sich nicht ganz sicher sind, wie sie den e nutzen werden, werden sie bei der Reichweite, die für heutige Verhältnisse eher schwach ist, sicher hellhörig. Für diese Million gibt es nämlich schon einiges zur Auswahl - bleiben wir bei den Kleinstwagen, sind der Zoe oder der e208 gleichwertige Konkurrenten mit etwas größerer Reichweite, aber mit Kompromissen in einer ganzen Reihe von Bereichen. 

Anmerkung: Ein großer Teil dieser Rezension wurde beim Warten an der Ladestation geschrieben.

98%
BEWERTUNG

Stärken

  • originelles Design
  • ausgereifte Technik
  • perfekte Verarbeitung
  • hervorragendes Fahrverhalten

Schwächen

  • Reichweite
  • Preis

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