Škoda Octavia 1.0 TSI - Ode an den Liter

Škoda Octavia 1.0 TSI - Ode an den Liter

Jan Nemrava, 7. Dezember 2020

Ein langjähriger Verkaufsschlager, auch in diesem Jahr die heiße Neuheit. Das ist die Škoda Octavia. Die neue Generation bin ich zuletzt bei der Vorstellung im April gefahren, und danach haben sie schon Kollegen unter die Lupe genommen. Deshalb wollte ich wissen, wie sich dieser tschechische Traum mit einem Motor schlägt, der ganz sicher nicht der Traum der meisten Fahrer ist. Doch die Abgasnormen nehmen darauf keine Rücksicht, und so brummt unter der Haube dieses 4.689 mm langen Schiffs ein Benzinmotor mit weniger als einem Liter Hubraum. Und dazu noch mit einer ungeraden Zylinderzahl. Genau das wollte ich mir genauer ansehen. Andererseits wurde über die neue Octavia schon so viel geschrieben, und die Meinungen sind wie immer so polarisiert, dass so ein Test nicht ganz einfach ist. Aber los geht's!

Ode an den Liter - Prequel 

Den 1.0-TSI-Motor hatte ich im Sommer im Kamiq und davor im T-Cross, wo er perfekt Sinn ergab - in kleinen, leichten Stadt-Crossovern lieferte er eine gute und ausreichende Leistung bei sehr gutem Verbrauch. Deshalb wollte ich wissen, wie es sich in einem Auto einer Klasse darüber verhält, das zudem doppelt so viel im Kofferraum unterbringen kann und den Anspruch hat, seine Passagiere über lange Strecken zu befördern. Gleichzeitig kann ein Auto mit einem Preis von knapp über 800.000 Tausend und einem Ein-Liter-Motor ein weiteres potenzielles rotes Tuch sein. 

Zum Test kam ein Exemplar in der höchsten Ausstattungslinie Style mit den größeren, aufpreispflichtigen 18-Zoll-Rädern (bei Style sind die kleinsten 17 Zoll groß). Diese Räder kosten zwar Aufpreis, aber genau diese Investition würde ich empfehlen. Die Veränderung der Optik mit den Aero-Vega-Rädern ist dramatisch, denn kleinere Räder lassen die Karosserie des Kombi mit seinem „Rucksack“ etwas versunken wirken. Die Räder sind zudem weiterhin ein sehr guter Kompromiss beim Komfort, wofür die Octavia meine Anerkennung verdient. Oder eher so: In den meisten Situationen dämpfen die 18-Zoll-Räder mit Winterreifen Unebenheiten gut, aber gelegentlich (und das ausnahmsweise) hüpft das Auto so, als würden wir in einem ganz anderen Fahrzeug sitzen.

Ich schließe mich nicht denen an, die die Fahreigenschaften der Octavia kritisieren, denn mir scheint nicht, dass sie vom Škoda-Standard der letzten Modellreihe abweichen - seit der Fabia und dem Kamiq ist die Abstimmung der Škodas eher komfortorientiert, was für die Zielgruppe sicherlich ein Plus ist, andererseits kann das Fahrwerk bei manchen Arten von Unebenheiten (am häufigsten bei schnell aufeinanderfolgenden Bodenwellen) etwas aus der Ruhe gebracht werden. Auf jeden Fall sind die Fahrwerksgeräusche auf ein Minimum reduziert, und die Octavia wirkt wie ein erwachsenes Auto (was sicherlich keine Neuigkeit ist). Und daran hat mit Sicherheit auch der leichte Ein-Liter-Motor seinen Anteil, der die Vorderachse des großen Autos nicht stark belastet, sodass das Fahrwerk weniger Arbeit hat.

Ode an den Liter - Teil eins

Der 1.0-TSI-Motor ist für Mainstream-Kunden vorerst etwas, das sie nur langsam verinnerlichen. Der Ein-Liter-Dreizylinder-Turbomotor 1.0 TSI aus der EA211-Baureihe muss sie also erst bei der persönlichen Begegnung vom Gegenteil überzeugen. Ein technisch wie auch im Fahreindruck sehr ausgereifter Motor, der mit seinen 81 kW und 200 Nm Drehmoment das 1330 kg schwere Auto in rund 10 Sekunden auf hundert beschleunigt. Obwohl er die schwächste Einheit ist, schafft er trotzdem über 200 km/h. Das deutet in der Praxis eher darauf hin, dass er etwa bei 150 km/h noch eine ziemlich große Reserve hat, als dass erwartet würde, mit dieser Geschwindigkeit zu reisen. Oder dass er bei 130 km/h um die 3.000 Touren dreht und dabei überhaupt nicht zu hören ist.

Der Charakter des Dreizylindermotors ist kurz nach dem Start des kalten Motors und dann beim Anfahren zu erkennen, vor allem am brummigen Klang. Von irgendwelchen Vibrationen oder Dröhnen keine Spur. Und so wage ich zu behaupten, dass Ihnen weder seine Zylinderzahl noch sein Hubraum noch sein Auftreten etwas ausmachen werden. Denn er belohnt Sie gut dafür - im Winter dadurch, dass die Heizung schon nach ein paar Minuten anspringt, während der Fahrt mit leisem Auftreten, in Kurven mit seinem geringen Gewicht, das die Fahreigenschaften beeinflusst, an der Zapfsäule mit geringem Appetit, während der Fahrt mit schneller Reaktion aufs Gaspedal, und die Menschen auf der Straße werden EURO 6D mit Partikelfilter und schnell aufgeheiztem Katalysator zu schätzen wissen.

Ode an den Liter - Teil zwei

Der Verbrauchsunterschied zum vorherigen 1.2-TSI-Vierzylinder ist - zugegeben - vernachlässigbar, aber der Ein-Liter-Motor ist technisch ausgereifter. Beide Triebwerke erfordern beim Anfahren eine gewisse Übung, wobei etwas höhere Drehzahlen nötig sind, damit der Motor nicht aus dem Turbo-Ladedruckbereich herausfällt, denn dann zeigt er seine atmosphärische Leistung, und die ist nicht der Rede wert. Aber die elektronische Feststellbremse mit Auto-Hold-Funktion hilft Ihnen beim Anfahren. Wochenendhausbesitzer und Urlauber könnten sich sorgen, was passiert, wenn sie den 640-Liter-Kofferraum mit einer ordentlichen Portion „rothaariger Kumpels“ beladen und das Auto belasten. Fährt das überhaupt noch? Ja. Auch bei voller Beladung fällt der Motor nicht in die Kategorie der Verzweifelten, denn dank des großen verfügbaren Drehmomentbereichs holt sich der Motor schon bei niedrigen Drehzahlen genug Kraft, um „bevor es verwittert“ ans Ziel zu kommen. Die gute Nachricht ist: Wenn Zeit Ihr Feind und Geld dagegen Ihr Freund ist, können Sie für 38 Tausend mehr den 2.0 TDI bekommen, allerdings nur mit 85 kW. Überraschenderweise verlangt der Hersteller genau denselben Aufpreis für den 1.5 TSI mit 110 kW. Oder greifen Sie für 133 Tausend tief ins Sparschwein, dann haben Sie 147 kW mit Automatik und sind bei der Schwiegermutter in Mähren garantiert unter den Ersten - und die Ladung ist noch taufrisch.

Ode an den Liter - Teil drei

Wenn wir schon bei den Fahrleistungen sind - der 1.0 TSI beschleunigt von null auf 100 km/h in 10,5 Sekunden. Der 2.0 TDI mit 85 kW beschleunigt in 10,4. Und der Flotten-Liebling 1.6 TDI der Vorgängergeneration in 10,6 Sekunden. Mehr dazu hier. Zum Schluss der Verbrauch - auf der Autobahn genehmigt sich die Octavia etwa 6,5 Liter Benzin. In der Stadt höchstens einen Liter mehr. Bei konstanten 120 km/h und auf Überlandfahrten wunderbare 5,5 Liter. Der kombinierte Verbrauch liegt zwischen 6 und 7 Litern. Auch bei größerer Belastung (Geschwindigkeit oder Kilogramm) steigt der Verbrauch nicht wesentlich, und 7,5 Liter bedeuten eine Autobahngeschwindigkeit von 145 km/h beziehungsweise einen etwas weniger feinfühligen Umgang mit dem Gaspedal. Und das alles bitte auf winterlichen 18-Zoll-Rädern.

Ich finde mich damit ab, dass Sie dieser Artikel nicht davon überzeugen wird, dass der Ein-Liter-TSI das Beste seit geschnittenem Brot ist. Das ist er auch nicht. Vergessen wir nur nicht, dass es sich um die schwächste Einheit handelt, die Sie zum Grundpreis bekommen. Und in dieser Kategorie ist es ein großartiger Motor, oder zumindest einer, vor dem man sich keinesfalls fürchten muss. Aber genug zum Motor, kommen wir zu den Bereichen, in denen wir uns sicher einig sind.

Formsache - Innenraum

Er ist schön. Das Zweispeichenlenkrad gibt es in diesem Auto nicht, deshalb habe ich praktisch nichts zu beanstanden. Das Cockpit gefällt mir sogar besser als im neuen Golf! Abgesehen vom Gesamtkonzept und der Verarbeitung gibt es ein paar Dinge, die ich nicht verstehe. Warum hat der teurere Golf die gepolsterten Türtaschen und das Fach vor dem Beifahrer, die schöne Abdeckung über den Getränkehaltern oder das Fach links vom Lenkrad verloren, wenn die Octavia das alles hat? Aber wir sind immer noch in einem Konzernprodukt, also funktioniert alles, alles ist klar und übersichtlich, und so gefällt es mir. Sogar die Bedienung der beiden Menüs des Kombiinstrument-Displays mit einem einzigen Drehrädchen am Lenkrad, die mir zunächst gar nicht gefiel, versteht man nach einer Woche! Also stelle ich hier nur fest - Technologien wie das Head-up-Display oder der Travel Assist sind in der Octavia klasse, sie kosten Aufpreis, aber dank der Pakete sind sie nicht übertrieben. Die beiden erwähnten Top-Technik-Schmankerl gibt es zusammen mit automatischem Einparken (nicht nur Sensoren) und Totwinkel-Erkennung im Paket für 27 700 Kronen. Hut ab. 

Exterieur und Versprechen

Die Bewertung überlasse ich Ihnen, mir sind diese Konzern-Kombis einfach zu „heavy“. Der Kofferraum ist einfach zu lang, aber auf großen Rädern lässt sich das ertragen. Beim Exterieur fallen die LED-Matrix-Scheinwerfer im Paket mit Kamera für 20 Tausend auf. Die funktionieren so perfekt, dass sie praktisch ein Pflichtposten sind.

Für das nächste Mal heben wir uns weitere offensichtliche Wahrheiten über dieses Auto auf. Ja, es gibt jede Menge Platz. Ja, der Kofferraum ist riesig. Ja, in der einfachen Ausstattung sieht die Octavia optisch ziemlich gewöhnlich aus. Ja, die Verbundlenkerachse ist einfacher aufgebaut und etwas zu hören. Nein, den Unterschied zur Mehrlenkerachse würde ich nicht erkennen.

Fazit

Der Ein-Liter-Motor ist nicht nur der Einstiegsmotor. Er ist ein vollwertiges Antriebsaggregat, das der Octavia ausreichende Dynamik verleiht. Für Fahrzeuge mit hohen Autobahn-Laufleistungen wird er wohl nicht ganz die richtige Wahl sein. Dafür gibt es hier weiterhin den Dieselmotor. Aber für übliche Jahresfahrleistungen von rund 10 bis 20 Tausend km halte ich das für die vernünftige Wahl. In Verbindung mit der insgesamt technischen Reife der Octavia und dem recht günstigen Preis der Aufpreis-Ausstattungen bleibt die Octavia eine gute Wahl, auch wenn ihr die Konkurrenz in mancher Hinsicht schon dicht auf den Fersen ist. Aber in Disziplinen wie Platzangebot für die Fondpassagiere, im Kofferraum, Zuverlässigkeit und Ergonomie findet die Octavia nur schwer einen Bezwinger.

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