Den neuen RAV4 einer bestimmten Gruppe oder Klasse zuzuordnen, ist gar nicht so einfach. Obwohl er ideal für die Stadt ist, wäre es schade, ihn als Stadt-SUV zu bezeichnen – dieser Begriff steht meist für leicht höhergelegte Schrägheckmodelle mit Frontantrieb und Niederquerschnittsreifen. RAV soll zwar angeblich nicht mehr für Freizeitfahrzeuge stehen (Recreational Activity Vehicle), sondern für ein Fahrzeug, das robust und präzise ist. Dennoch hält es an alten Gewohnheiten und Tugenden fest – für alle Motorisierungen ist 4x4 erhältlich, die Achtzehnzöller haben ein ordentliches 135mm-Reifenprofil, bei den Siebzehnzöllern ist es noch einen Zentimeter höher. Auch an der Bodenfreiheit hat sich gegenüber der vorherigen Generation kaum etwas geändert, sodass der RAV4 mit 195mm aufwartet, was in dieser Klasse überdurchschnittlich ist (Kodiaq 192mm, Tucson 172 mm). Die Hybridtechnik entkräftet zudem eines der wichtigsten Argumente gegen SUV in der Stadt – die Emissionen. Wo und zu wem passt der Wagen also?
Hybride eignen sich hervorragend für die Stadt, und das gilt auch für SUV – der Elektromotor unterstützt beim Anfahren; solange nicht die maximale Leistung benötigt wird, kann das Auto sogar rein elektrisch losfahren. Während der Antrieb der Vorderachse auch mithilfe des Verbrennungsmotors erfolgt, wird die Hinterachse ausschließlich von einem Elektromotor angetrieben, der aus der Batterie gespeist wird. Die Batterie kann sowohl durch Rekuperation beim Bremsen als auch durch den Verbrennungsmotor geladen werden. All das lässt sich in Echtzeit im Kombiinstrument verfolgen, einschließlich der Anzeige, auf welche Räder gerade die Motorkraft übertragen wird – für Technikfans dürfte dies sicher der meistgenutzte Anzeigemodus sein (bei mir ist es jedenfalls so). Natürlich wäre es kein Hybrid ohne Benzinmotor – im RAV4 hat er einen stattlichen Hubraum von 2.5 Litern und ist mit einem e-CVT-Getriebe gekoppelt. Dieses arbeitet recht eigenwillig, und man muss sich etwas daran gewöhnen: Das Auto fährt entweder rein elektrisch oder wechselt in den kombinierten Betrieb, in dem es relativ hohe Drehzahlen hält. Direkt laut ist es zwar nicht, doch der Geräuschunterschied zwischen beiden Modi ist ziemlich groß. Damit hängt auch zusammen, dass es etwas länger dauert, das Fahren mit dem Auto zu erlernen, zumindest im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen. Mir schien außerdem, dass der RAV4 selbst bei relativ starkem Bremsen noch rekuperierte, sodass ich – zumindest laut Bordanzeige – die normalen Bremsen nur selten nutzte. Bei ausreichend geladener Batterie lässt sich bei dieser Motorisierung ein rein elektrischer Modus aktivieren; er funktioniert jedoch nur bei niedrigeren Geschwindigkeiten, und die Batteriekapazität reicht eher für Hunderte Meter als für Kilometer. Das ist natürlich nicht der Zweck eines Hybrids, und schon das rein elektrische Anfahren sorgt in Verbindung mit dem dynamischen (und natürlich robusten und präzisen) Erscheinungsbild des Fahrzeugs für genügend Aufmerksamkeit. Hand aufs Herz: Genau darum geht es bei SUV doch auch ein wenig, oder?
Wenn wir für einen Moment vom Hybridantrieb absehen und uns die Fahreigenschaften ansehen, bleibt der RAV 4 seiner Tradition treu – er ist nicht auf die Welle „harter“ SUV aufgesprungen, sondern bietet ehrlich eine sanft schaukelnde, komfortable Fahrt, die sämtliche Unebenheiten gründlich ausbügelt. Wie bereits erwähnt, spielt auch hier das höhere Reifenprofil eine große Rolle, das auf den komplett schwarzen Hochglanzfelgen übrigens wirklich gut aussieht. Für die Fahrt stehen drei Modi zur Wahl – Eco, Normal und Sport. Jeder verändert seinem Namen entsprechend die Gasannahme, große Unterschiede sind es allerdings nicht. Für sämtliche Fahrten reichte mir der Normal-Modus völlig aus; der Verbrauch lag stets bei rund sechs Litern.

Nach dem Einsteigen begrüßt uns der RAV4 mit einem angenehm funktionalen Innenraum und vielen Ablagen. Neben einer ausreichend großen kabellosen Ladeschale, die auch größere Telefone aufnimmt, gefiel mir besonders das praktische gummierte Ablagefach vor dem Beifahrer – ideal für ein Mobiltelefon. Es gibt weich unterschäumte Kunststoffe, und insgesamt wirkt alles solide und wertig. Die Instrumente sind teilweise digital: In der Mitte sitzt ein Display, das seitlich durch analoge Zeiger ergänzt wird. Ein volldigitales Kombiinstrument im Stil eines virtuellen Cockpits würde dem Auto besser stehen, doch unter ähnlichen Lösungen gehört jene im RAV4 zu den am besten umgesetzten – sie ist leicht zu bedienen, zeigt genügend Informationen gleichzeitig und bietet eine gute Auflösung. Apropos Auflösung: Eine Bemerkung zur Rückfahrkamera kann ich mir nicht verkneifen. Sie wirkt merkwürdig analog, das Bild flimmert eigenartig, und auch die Auflösung könnte besser sein – wobei das natürlich nicht nur bei Toyota ein Problem ist. Eine gute Auflösung bietet dagegen der zentrale Infotainment-Bildschirm, der in der Basisausstattung Active 7 Zoll und in höheren Ausstattungslinien 8 Zoll misst; Bluetooth, USB, AUX und 6 Lautsprecher sind immer dabei. Das Infotainmentsystem ist übersichtlich, leider kostet die Navigation jedoch stets Aufpreis.

Das wäre wohl kein Problem, wenn der RAV4 Apple CarPlay/Android Auto unterstützen würde. Leider tut er das nicht, und das veraltete MirrorLink ist nur ein schwacher Trost. Wer ein kompatibles (sprich: älteres) Mobiltelefon besitzt, kann Waze auf diesem Weg zwar ins Auto bringen. Es heißt, die Unterstützung modernerer Technologien könne vielleicht mit einem Software-Update für das Fahrzeug kommen. Dafür spricht auch, dass die amerikanische Version des RAV4, die sich nur minimal unterscheidet, CarPlay unterstützt. In Australien wird CarPlay Ende dieses Jahres nachträglich aufgespielt. Ob das auch in Europa geschieht, ist allerdings keineswegs sicher – im offiziellen Blog von Toyota UK schrieb die Markenvertretung, dass CarPlay nicht kommen werde. Doch die verzweifelten Rufe nach dieser Plattform sind nicht nur dort, sondern an vielen weiteren Stellen im Internet zahlreich. Daher glaube ich, dass der Hersteller seine Haltung überdenken wird, denn selbst die besten werkseitigen Infotainmentsysteme (und Navigationslösungen) können den Vergleich mit der Spiegelung des Mobiltelefons meiner Meinung nach schlicht nicht gewinnen.

Zu Beginn des Tests stellte ich die Frage, ob der RAV4 die berechtigte Kritik entkräften kann, dass SUV nicht in die Stadt gehören. Beim Hybrid entfällt hier das Emissionsargument; die Stadt ist zweifellos sein natürlichstes Umfeld, in dem er auch am umweltfreundlichsten fährt. Auch der Einwand, er beanspruche unnötig viel Platz, greift nicht – dann müssten wir ebenso alle Kombis und MPV aus der Stadt verbannen, die genauso lang sind wie der RAV4. Berücksichtigt man all die Bordsteine, Bremsschwellen, beschädigten Straßen und weiteren Tücken moderner Städte, ist gerade Toyotas Hybrid-SUV ein idealer Begleiter. Er bietet komfortables Reisen überallhin und 4x4-Antrieb, der ausschließlich elektrisch arbeitet und dadurch insgesamt sogar einen geringeren Verbrauch ermöglicht als der Frontantrieb. Dieses Konzept gefällt mir sehr und dürfte für Autos wie den RAV4 die Zukunft sein. Zudem kostet die zweithöchste Ausstattung Selection in Kombination mit dem Hybrid-4x4 ohne Rabatt knapp über eine Million einschließlich Mehrwertsteuer. Für ein so attraktiv und modern aussehendes, hervorragend ausgestattetes Fahrzeug (serienmäßig etwa adaptiver Tempomat samt Spurführung, Projektor-Bi-LED und die komplette Technologie- und Sicherheitsausstattung) ist das ein wirklich guter Preis. Der einzige Schönheitsfehler bleibt das fehlende Apple Carplay/Android Auto, das heute für viele Menschen leider entscheidend ist. Wer es nicht braucht und mit der gut umgesetzten, aufpreispflichtigen Werksnavigation zufrieden ist, erhält mit dem RAV4 ein sympathisches, optisch eigenständiges und vielseitiges Auto, das sich hervorragend für den Alltag eignet.