Land Rover Defender P400 – aus königlichem Geschlecht

Jan Nemrava, 14. Dezember 2020

Die britische Geländelegende für Einfachheit und Zuverlässigkeit, die fast 70 Jahre in Produktion blieb, kommt nun in einer neuen Generation. Deutlich mehr technisiert, komfortabler und nicht mehr so stark auf Arbeit und Nutzwert ausgerichtet, sondern in großem Maße auch auf Stil und Komfort. Zum Test steht uns die Version P400 in der siebensitzigen Variante zur Verfügung. Die Variante P400 steht für einen aufgeladenen Benzin-Sechszylinder mit 3 Litern Hubraum und 400 PS Leistung. Die Papierwerte von 6.1 Sekunden von null auf hundert verraten ebenfalls, dass dies kein Trödler ist. Im Gegenteil. Das Leergewicht von 2360 kg wiederum verrät, dass es sich um kein Leichtgewicht handelt. So viel also zur Einleitung des Tests dieses ikonischen Fahrzeugs. 

Anders, aber doch derselbe

Wir beginnen mit der statischen Betrachtung. Die Verwendung einiger Designelemente verrät eindeutig die Verwandtschaft zum ursprünglichen legendären Modell. Form, Fensterlinie, Rückleuchten oder die kleinen Fenster am Dachrand sind ein untrügerischer Verweis auf das ursprüngliche Fahrzeug. Von vorne ist es eine Mischung aus relativ großen Flächen, die von horizontalen Linien und sehr markant wirkenden Scheinwerfern durchbrochen werden. Die kräftig ausgestellten Kotflügel lassen das Auto optisch noch größer wirken. Das Auto wirkt somit nicht nur mächtig, sondern wird mit einer Länge von 5.018 mm und einer Höhe von 1967 mm definitiv zu den größten „Pkw“ zählen, die Ihnen auf der Straße begegnen. Auf das größte SUV von Škoda, den Kodiaq, werden Sie ziemlich von oben herabblicken. Die Beurteilung der Optik überlasse ich dem Leser, aber ich denke, dass die Erscheinung eines Nutzfahrzeugs mit dem Prädikat Luxus so manchem Lumbersexuellen sicher imponiert.

Innen ist es recht ähnlich. Es wirkt, als sei das Interieur noch immer relativ einfach, geradezu spartanisch schlicht, bis hin dazu, dass Karosserieteile sichtbar bleiben, doch das ist nur der Schein. In Wirklichkeit handelt es sich um einen luxuriösen Ort, ausgestattet mit hervorragender Elektronik und insgesamt hochwertigen Materialien. Besonders das große Display mit wunderschön feiner und eleganter Grafik verrät, dass dies ein Auto für das 21. Jahrhundert ist, mit allem, was dazugehört. Schlüsselloses Zugangssystem, beheizte Sitze, Lenkrad und Frontscheibe, Vierzonen-Klimaanlage, elektrisch verstellbares Lenkrad und Sitz verraten, dass dies längst nicht mehr nur für raue Kerle gedacht ist. Und auch überall reichlich Platz. Nicht nur auf den Sitzen, sondern auch 743 Liter im Kofferraum. 

Bedienung ohne Fehler

Es gibt hier so viele Verlockungen und „Spielereien“, dass ich noch etwas dabei verweile. Lobenswert ist, dass sich die Geländeausstattung immer über mechanische Tasten bedienen lässt - die Moduswahl des Systems Terrain Response 2, die Getriebeuntersetzung, der Bergabfahrassistent oder die Änderung der Bodenfreiheit und Ähnliches haben stets eigene Tasten. Die runden Drehregler lassen sich vom Komfortmodus der Temperatureinstellung auf einen runden Regler für die Wahl des Geländemodus umschalten. Ergonomisch, elegant und hervorragend nutzbar.

Der Rest liegt dann beim wunderschön grafisch gestalteten zentralen Display. Dort gibt es zum Beispiel eine großartige Darstellung aller möglichen Kameras, einschließlich der „durchsichtigen Motorhaube“, die im Gelände hilft, oder die Darstellung des Fahrzeugs von außen als 3D-Modell. Ein ganzer Bereich ist dem Geländefahren gewidmet, wo die Zustände der einzelnen elektronischen Sperren, ein Radar zur Messung der Wattiefe oder die Messung der Neigungswinkel zu sehen sind. Alle Funktionen sind über eine einzige Hauptliste zugänglich und damit leicht erreichbar, in dieser Hinsicht kann man nur den Hut ziehen, wie gut es gelungen ist, so viele Informationen in das Infotainmentsystem zu packen. Vorbehalte habe ich gegenüber der Lenkradbedienung, die mir nicht sehr übersichtlich vorkam, ebenso fand ich die Ausführung, bei der statt Tasten eine große, mit Symbolen übersäte Fläche verwendet wurde, etwas unglücklich. 

Benzinisches Flüstern

Unter der Haube des Testwagens steckte ein Dreiliter-Benzin-Sechszylinder mit Turboaufladung und beachtlichen Werten. 550 Nm über einen breiten Drehzahlbereich und 294 kW (400 PS) reichen auch für ein 2,3 Tonnen schweres Fahrzeug aus. Sie bringen es in 6.1 Sekunden auf Tempo hundert, und natürlich mangelt es auch im Gelände nicht an Leistung. Für heutige Verhältnisse handelt es sich um ein eher seltenes Antriebsaggregat, das für dieses Modell sicher nicht das häufigste sein wird, denn auch sein Betrieb wird nicht günstig sein. Aus dem 90-Liter-Tank verbraucht der Defender bei vorsichtiger Fahrweise 12 Liter auf hundert km.

Trotz des verbauten Mild-Hybrid-Systems sind 15 Liter im Stadtverkehr keine Seltenheit, sodass ich für die Fahrt der Kinder zur Schule wohl ein anderes Auto wählen würde. Im Stadtverkehr sind ohnehin nicht nur der Verbrauch, sondern auch die schiere Größe eher ein Hindernis. Andererseits ist dieser Benzin-Sechszylinder für jeden Fahrmodus absolut großartig. Ruhig, leise, unter Last mit einem wunderschönen Klang, der über das gesamte Drehzahlspektrum begeistert. Meist lässt ihn jedoch die samtweiche Achtgang-Automatik einfach ruhig bei rund 1500 Umdrehungen verweilen. Und das sogar auf der Autobahn. Hier kommt die zweite Überraschung, welchen Wandel der Defender durchgemacht hat. Der Fahrer wird zwar nicht den Eindruck los, ein sehr großes und schweres Fahrzeug zu lenken, doch der Defender überrascht mit Kultiviertheit, Ruhe und Laufruhe. Selbst eine so große Karosserie ist leise und ruhig. Und ausgerechnet über die Autobahn führte unsere erste Fahrt mit diesem Fahrzeug an einen dem Defender verheißenen Ort. In den Offroad Club in Milovice.

Niemand testet so viel, wie wir testen.

Schon vor seiner Vorstellung wurde der Defender von einem Agenten berühmt gemacht, dessen Name mit B beginnt. Ein anderer Agent, dessen Name ebenfalls mit B beginnt, hat einmal etwas gesagt, das perfekt in unsere Überschrift passt. Autos dieser Art bekommen wir nicht jeden Tag in die Hände, und so haben wir den Defender, ähnlich wie zuvor den vergleichbar ausgerichteten Suzuki Jimny, ins schwerere Gelände des Offroad Clubs Milovice mitgenommen, damit er uns zeigt, was in ihm steckt. Die Geländefähigkeiten sind es, die ihn gerade durch diese langen Jahre so auszeichnen. Man kann ihm zugutehalten, dass er trotz seiner Geländeambitionen auch auf der Straße sehr komfortabel ist, doch dazu kommen wir noch. Ein Herbstnachmittag, hier und da blitzt die Sonne hervor, und wir fahren auf ein Gelände, das für den Defender so ziemlich alle erdenklichen Hindernisse bereithält - von Furten über schlammige Wiesen bis zu Wald-Trial-Hindernissen. Wir kennen das hier bereits ein wenig, und so stellen wir den Defender nach kurzer Besichtigung in den Geländemodus und probieren die ersten Hindernisse aus. Beim ersten Fahrerwechsel staunen wir, wie hoch das aktive Fahrwerk des Defenders die Bodenfreiheit anheben kann. In Zahlen sind es 145mm, in der Realität wirkt es fast wie eine Verdopplung. Die zweite Erkenntnis ist, wie einfach dieses „Offroaden“ eigentlich ist und wie der Defender die Hindernisse praktisch ohne Zutun des Fahrers meistert.

Kein Drama, keine Sorge um das Fahrwerk, kein Hochdrehen des Motors. Mit leichtem Gasgeben geben Sie dem Defender das Kommando, und er führt es aus. Es ist kaum nötig, sich mit der Wahl des Geländemodus aufzuhalten, der Defender weiß, wie es geht. Eine Einschränkung für schwereres Gelände und Schlamm sind natürlich die Straßenreifen und das Fehlen einer vorderen Differenzialsperre, aber ansonsten muss man dank der massiven Bodenfreiheit, die auch hohe Böschungswinkel ermöglicht (38 vorne, 40 hinten), eigentlich nicht einmal um die Stoßfänger fürchten. Eine weitere Einschränkung ist die Größe und Manövrierfähigkeit des 5 Meter langen Fahrzeugs im Waldgelände und auf schmaleren Wegen. Ebenso stellt die Sorge um das Auto, das in dieser Konfiguration 2,5 Millionen Kronen kostet, eine Einschränkung dar. Und die letzte, die größte, ist der Selbsterhaltungstrieb, der dem Gehirn rät, manche Dinge einfach nicht auszuprobieren, auch wenn der Defender sich vor ihnen sicherlich nicht fürchten würde.

Defender

Der Defender ist kein SUV. Er ist ein reinrassiges Geländefahrzeug. Er sollte nicht in die Hände von jemandem geraten, der auf der Straße nur besser sehen und leichter einsteigen möchte. Solcher Autos gibt es Legionen. Wo das SUV endet, beginnt der Defender. Der Defender ist - und ich werde alles tun, um das Wort „stylisch“ zu vermeiden - eine moderne Umsetzung des klassischen Geländewagens, der für schwereres Gelände bestimmt und geboren ist. Seine Ausstattung und Technik sind dem untergeordnet. Auf der Straße verhält er sich vor allem in der Geradeausfahrt sehr gutmütig, in Kurven spürt man die Tonnen, sodass es in diesem Bereich zu einem gewissen Kompromiss kommt, auch wenn ihm eine noch so kaputte Straße nichts ausmacht. Im Gelände geht es ihm dann um kompromisslose Leistung, wie sie ähnlich zugeschnittene Fahrzeuge wie der Mercedes G oder vielleicht der Toyota Land Cruiser bieten können.

99%
BEWERTUNG

Stärken

  • Geländetauglichkeit
  • Bedienung und Fahrverhalten
  • Benzin-Sechszylinder

Schwächen

  • Fahrzeuggewicht
  • hoher Preis

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