DS9 – chinesischer Millionär oder französischer Aristokrat?

DS9 – chinesischer Millionär oder französischer Aristokrat?

Jan Nemrava, 13. Juni 2022

Der Automobilhersteller DS kam im vergangenen Jahr mit dem Anspruch auf den Markt, sein neues Modell DS9 gegen traditionelle Vertreter des Premiumsegments wie die Mercedes-Benz E-Klasse oder die BMW 5er-Reihe zu positionieren. Er möchte französischen Stil und den berühmten komfortablen Fahrkomfort bieten. Doch die Zeiten ändern sich, und es stellt sich die Frage, ob der Ruhm der design-orientierten französischen Limousinen nicht von der technologischen Dominanz der bayerischen Fahrzeuge abgelöst wurde. Schauen wir uns gemeinsam an, welches Schicksal diese fast fünf Meter lange Limousine erwartet. 

Zunächst muss erwähnt werden, dass es nicht ganz einfach ist, diesen Test zu schreiben. Ähnlich wie etwa der Toyota Land Cruiser ist der DS9 ein Auto, das von meinen Bedürfnissen so weit entfernt ist, dass seine ideale Nutzung für mich eher auf der theoretischen Ebene liegt. Ich kann mir nicht vorstellen, ein fünf Meter langes Auto zu besitzen, ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Limousine wäre, und ich kann mir nicht vorstellen, die Form so stark über den Inhalt zu stellen und dem Design so sehr zu verfallen auf Kosten rationaler Aspekte. Daraus ergibt sich, dass es beim DS9 viele Dinge gibt, die ich wohl nicht ganz so zu schätzen weiß, wie sie ein chinesischer Millionär oder ein französischer Adliger zu schätzen weiß. Teilweise liegt das auch daran, dass ich weder ein chinesischer Millionär noch ein französischer Adliger bin. 

Es gibt nicht so viele Autos, nach denen sich in den heutigen überfüllten Straßen jemand umdreht oder beim Überqueren der Straße überlegt, was einen da gerade über die Straße gelassen hat. Und der DS9 ist so ein Auto. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber so viel Aufmerksamkeit habe ich wohl nur beim Renault Twizzy und beim orangefarbenen Toyota Supra erlebt. Und jetzt schauen mich so viele Leute an, wenn ich eine dunkelblaue Limousine fahre. Der Grund dafür ist vor allem die einzigartige Lichtsignatur, die man einfach nicht übersehen kann. Der zweite Grund ist die Marke DS, deren Autos alle irgendwie aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Das Auto mit einem Preis von rund 1,5 Millionen bietet neben viel Platz vor allem eine Form, die den Inhalt deutlich übertrifft. Dieses Auto ist wirklich für jemanden gemacht, für den ein Auto eher Kunst ist. Und Kunst hat meist keine andere Funktion als sich selbst.

Beginnen wir objektiv – der DS9 ist eine fast fünf Meter lange Limousine mit einem Radstand von 2900 mm, angetrieben vom bekannten Benzinmotor 1.6 PureTech mit 225 PS. Angetrieben werden die Vorderräder über ein Achtgang-Automatikgetriebe EAT8. Der Kofferraum fasst 510 Liter. Neben dem Preis, der bei 62.000 € beginnt, kann für eine mögliche Einschätzung der Marktgröße etwa der sehr geringe Anteil an Limousinen, der Anteil an Benzinmotoren sowie der Anteil so aufwendig gestalteter Autos dienen. Daraus ergibt sich, dass dieser Markt in Tschechien kleiner als klein ist. Das bedeutet aber nicht, dass eines dieser Juwelen nicht Ihres sein könnte. Der Hersteller macht jedenfalls keinen Hehl daraus, dass der Hauptabsatzmarkt China ist, wo all diese Eigenschaften im Gegenteil die Hauptrolle spielen und wo dieses Fahrzeug auch produziert wird.

Subjektiv betrachtet (es sei gesagt, dass diese Zeilen von jemandem geschrieben werden, vor dessen Haus ein silberner Golf steht, der Inbegriff von Konservatismus und Rationalität) gibt es am Auto eine ganze Reihe von Dingen, die nur sich selbst dienen. Oder künstlerische Elemente, je nach Blickwinkel. Es beginnt mit den sich drehenden Elementen der Frontscheinwerfer beim Annähern an das Fahrzeug und den Türgriffen, die ausfahren. Im Inneren geht es weiter mit der Uhr, die nach dem Starten des Motors aus dem Armaturenbrett herausfährt. Selbst der Startknopf befindet sich an einer merkwürdigen Stelle über dem zentralen Display und ist die erste Falle für neue Besitzer. Ein gewisses Zeichen der Überkonstruiertheit ist, dass sich nach dem Abstellen des Motors  (wie bei Luxusfahrzeugen) der Fahrersitz zurückfährt. Nur fährt er so weit zurück, dass man den Startknopf nicht mehr so leicht erreicht. Beim Einsteigen ins Auto muss man sich also bis über das Infotainmentsystem strecken. Um wie viel einfacher wäre das etwa an der Mittelkonsole gewesen. Dort finden wir zur Abwechslung die letzte Besonderheit, die ich erwähnen möchte. Das ist die Bedienung der Fenster genau vom Mitteltunnel aus. Beim Citroën C-Elysée war das Ziel der Kritik, weil der Hersteller damit sparen wollte, aber in einem Auto für 1,5 Millionen wird dieselbe Lösung zu einem künstlerischen Akt, bei dem bourgeoisen Lebemännern das Monokel herunterfällt.

So. Soviel zur statischen Besichtigung. Zum Sitzen sind wir nicht gekommen. Also wecken wir das Benzinherz und los geht's! Jetzt zeigt sich, ob der DS9 nur auf dem Parkplatz ein Juwel ist oder auch auf der Straße. Der erste Eindruck ist, dass ich nicht das Gefühl habe, in einem fünf Meter langen Auto zu sitzen. Ich sehe die Motorhaube und den Chromstreifen darauf, aber ansonsten fühle ich mich eigentlich recht wohl. Das liegt auch daran, dass die Technik vom Peugeot 508 bekannt ist. Im Auto herrscht angenehme Stille, nur überrascht es, dass das Fahrwerk jede Unebenheit mit einem leichten Geräusch meldet. Jede Fuge, jeder Riss macht sich ein wenig bemerkbar. Umso mehr überrascht dann, dass sich umgekehrt große Schlaglöcher, wie eingesunkene Kanaldeckel, kaum mehr bemerkbar machen. Bei kleinen Unebenheiten ist der Lärm also höher, bei größeren dagegen erstaunlich gering. Jedenfalls ist das Geräusch die einzige Auswirkung der Schlaglöcher. Erschütterungen gibt es kaum.

Die zweite Überraschung ist die Abstimmung des Automatikgetriebes mit dem Benzin-Turbomotor 1.6 PureTech mit 225 PS. Diese Kombination funktioniert absolut hervorragend, das Getriebe ruckt praktisch nie, stützt sich schön auf die niedrige Drehzahl des kräftigen Motors, schaltet sanft und hat sich insgesamt eine absolut hervorragende Bewertung verdient. Der Motor ist sehr leise, aber ausreichend kräftig. Er stört im Innenraum nicht, kann aber gleichzeitig ordentlich ziehen. Der Verbrauch lässt sich bei etwa 7 Litern auf hundert km halten, ich würde aber eher mit 8 bis 9 Litern rechnen. Ein weiteres Plus ist das vernünftige Gewicht des vorderen Fahrzeugteils, was sich positiv auf das angenehme Fahrverhalten sowohl in Kurven als auch beim Überwinden von Unebenheiten auswirkt. Dabei soll das System DS Active Scan Suspension helfen, das eine die Straße erfassende Kamera, Bodenfreiheitssensoren, Beschleunigungssensoren und Achsdetektoren umfasst, die alle Bewegungen erfassen und auf dieser Grundlage die Dämpfung und Federung jedes Rades verändern. Den Nutzen dieses Systems kann ich nicht wirklich beurteilen, da ich mir nicht vorstellen kann, wie das Auto ein Schlagloch visuell erkennen können soll. Fakt ist, dass das Fahrwerk extrem weich ist. Genau so, wie es jeder von diesem Auto erwarten würde. 

Was möchten Sie noch hören? Hinten gibt es reichlich Platz, aber nicht so viel Komfort wie etwa im Camry, wo es zum Beispiel eine elektrische Verstellung der Rückenlehnen oder eine Bedienung der Audioanlage gab. Hervorragend sind die Materialien, sehr schön ist die Verarbeitung mancher Details, wunderschön ist das geschliffene Leder am Armaturenbrett. Herrlich kontrastreich ist der Infotainment-Bildschirm, aber man sollte ihn besser nur anschauen. Die Langsamkeit des schon etwas älteren Infotainmentsystems fällt mit diesem schönen Bildschirm noch mehr auf. In der Preisklasse eines unglaublichen Infotainmentsystems, wie man es etwa im Tesla Model 3 findet, haben Sie hier etwas, das ich nicht einmal in einem Auto für 300 Tausend haben wollen würde. Verzeihung, aber das lässt sich nicht loben, denn wegen der Bedienung der Lüftung über das Infotainmentsystem lässt sich deren Nutzung nicht vermeiden. Genauso wenig lässt sich die kläglich schlechte Auflösung und der Kontrast der Rückfahrkamera loben. Angenehm sind aber die Bremsen und die Lenkung, gut ist die elektronische Ausstattung. Diese umfasst alle heutigen Elemente, einschließlich der relativ seltenen Nachtsicht DS Night Vision. Diese Lösung mit Infrarotkamera im Kühlergrill erkennt Fußgänger oder Tiere auf der Straße bis zu einer Entfernung von 100 Metern und warnt den Fahrer, wenn sie sich im Fahrweg des Fahrzeugs befinden.

Was zum Schluss. Das Fahrgefühl ist angenehm, erreicht aber eher das Niveau von Autos der oberen Mittelklasse als des Premiumsegments. Erfreulich ist die Abstimmung des Getriebes mit dem Motor, erfreulich sind die luxuriösen Materialien und der Platz für die Besatzung. Ein Plus ist sicherlich die Eigenart, Originalität, Extravaganz und Seltenheit dieses Modells. Ein Minus ist eine gewisse Überkonstruiertheit mancher Lösungen sowie das schwächere Niveau der elektronischen Ausstattung (Rückfahrkamera oder langsames Infotainmentsystem) im Vergleich zur Konkurrenz.

90%
BEWERTUNG

Stärken

  • Design und verwendete Materialien
  • Abstimmung von Getriebe und Motor
  • Fahrkomfort
  • Platzangebot
  • Seltenheit

Schwächen

  • schwächeres Niveau der elektronischen Ausstattung
  • ergonomische Details

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